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Der fabelhafte Fremde

 „Sie werden heute eine fabelhafte Bekanntschaft machen“, las ich in meinem Tageshoroskop. Was sollte das denn sein? Eine fabelhafte Bekanntschaft. Ich biss in mein Brot, kramte den Autoschlüssel heraus und warf nebenbei die Zeitung in den Papiermüll.

Auf dem Weg zur Arbeit kam mir das Wort „fabelhaft“ wieder in den Sinn. Eine tolle Bekanntschaft, ein interessanter, dunkler Fremder, ein Lottogewinn wäre auch fabelhaft… ja, was denn nun?

 Im Büro hatte ich zunächst so viel zu tun, dass ich mich nicht weiter mit meiner zu erwartenden Bekanntschaft auseinandersetzen konnte, fabelhaft hin oder her.

 Nach der Mittagspause wurde ich, wie so oft, etwas schläfrig. Den meisten Papierkram hatte ich abgearbeitet, ich konnte es nun etwas langsamer angehen lassen. Nur ganz kurz die Augen schließen… ganz kurz…

„Entschuldigen Sie“, fragte der dunkelhaarige Mann mit angenehmer Stimme. Er lächelte, und ich lächelte zurück:„Ja, bitte?“

„Wo finde ich denn hier die Kantine?“

„Die Kantine?“, fragte ich etwas irritiert.

„Ja, ich bin weit gereist und nun sehr hungrig“, erklärte er.

„Oh“, jetzt verstand ich, „Sie sind der Mitarbeiter aus Berlin, wir erwarten Sie bereits!“

Er strahlte mich an.

Es warf mich um. Was für ein Mann. So volles, dunkles Haar, meine Güte! Ich würde ihm die Kantine zeigen. Den Betrieb. Das Außengelände. Die Stadt. Meine Postkartensammlung. Ich war hin und weg.

 

Ein Türenknallen auf dem Gang ließ mich hochfahren. Ich fuhr mit der Hand durch mein verwuscheltes Haar, kam langsam zu mir. Ich war doch tatsächlich eingenickt!

Da! Igitt! Ein fetter Brummer saß auf meiner Schreibtischkante! Ohne zu zögern nahm ich eine Zeitschrift, rollte sie auf und ließ sie auf das Ungeziefer knallen. Treffer! Matsch!

 „Bsss…bsss…bsss die Kantine? Junge Frau, was…bsss…wieso“, brabbelte der Brummer, immer schwächer werdend. Seltsamerweise hing ihm ein Schopf dunkler Locken über den toten Facettenaugen.

 

Wo noch mal?

Tag eins

Hilflos kringele ich mit meinem Auto am Flughafen vorbei. Schon wieder habe ich die verdammte Ausfahrt verpasst. Hinter mir hupt ein anderer Fahrer entnervt. Ich fahre an den Straßenrand, grabble das Handy heraus und rufe Verena an. „Ich stehe am Ausgang, ich bin die mit der Gitarre und den roten Haaren!“, meint sie ganz cool. „Ja, ich versuche es ein letztes Mal“, seufze ich erschöpft. Fahre eine weitere Runde über das unübersichtliche Gelände und parke dann in der Kurzzeitparkzone. Kaum steige ich aus, erkenne ich tatsächlich die kaffeebecherschwenkende Verena direkt auf der anderen Seite. Na toll. Egal jetzt. Ich eile zu ihr hin, wir begrüßen uns freundlich vorsichtig. Ein erstes Beschnuppern quasi, wie ist denn das Gegenüber so. Wir sollen zehn Tage gemeinsam in einem Kaff am Ende der Welt einen Schreiburlaub absolvieren. Da wäre es von Vorteil, wenn wir uns einigermaßen vertragen. Ach, ich denke schon. Leute mit Gitarren gefallen mir immer gut.

Wir stopfen Verenas Sachen in den Kofferraum und stürzen uns ins Freitagnachmittagsgewühle in Hamburg. Scheiße. Wir landen im weltgrößten Stau des Tages. Die Uschi / Das Navi gibt wirre Ratschläge von sich, die uns nicht im Geringsten nützen. Verena, als Wienerin, hat natürlich null Ideen. Ich habe auch null Ideen, denn ich hasse Autofahren in Hamburg und quäle mich nur in Notfällen hier her.

Stunden später nähern wir uns unserem Ziel, einem Fischerdorf am Rande der Ostsee kurz vor Stralsund. Die Sonne geht unter. Wir sind guter Dinge, wir haben den Stau in Hamburg überlebt. Was soll jetzt schon noch kommen.

Es kommt-nichts. Die Straßen werden immer schlechter, Kopfsteinpflaster, dann Feldwege. Feldwege??? Füchse am Wegesrand, die uns anstarren? Rehe im Gebüsch? Waaaaa, wo sind wir denn hier? Das Dorf besteht aus einer Ladung Ferienhäusern, vier „echten“ Häusern und drei Straßenlaternen.

Wir finden das Fischerhaus. Hurra. Es ist stockfinster. Wir bekommen die Gartenpforte nicht geöffnet und klettern kurzerhand drüber. Kein Licht, dafür von allen Seiten aus der sehr dunklen Dunkelheit gruselige Geräusche. Wir halten unsere Handys in die Höhe und versuchen, den verflixten Schlüsselsafe zu öffnen. Spontan vergesse ich die Nummernkombination. Aber ich habe ja Verena. Tür geöffnet, zwei zerzauste Reisende stolpern hinein ins Haus. Gucken sich um, schaudern. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als ein dunkles, klammes Haus, das einen nicht willkommen heißt. „Nee!“, sage ich. Und „Nee!“, meint auch Verena.

Wir schließen wieder ab und suchen Haus Nummer zwei im Dorf. Es gibt nur ein Schwedenhaus, es leuchtet uns nett entgegen in sattem Rot. Da hier eine der drei Dorflaternen steht, bekommen wir den Safe ohne weiteres geöffnet und tapern in das Häuschen.

„Ja“, sage ich nach der Besichtigung, „ Ich hole dann mal meine Sachen, nä.“

Während Verena es sich im großen Schlafzimmer nett einrichtet, quetsche ich meinen Kram nur vorübergehend ins Etagenbett im Kinderzimmer. Denke ich.

Ich bin total erledigt, allein schon vom stundenlangen Fahren durch das wunderbare Hamburg, und schlafe sang- und klanglos ein.

 

 

Tag zwei

Als ich aufwache, bekomme ich einen Hauch von Platzangst. Ich habe mich im unteren Etagenbett einquartiert und starre nun auf die ziemlich bedrohlich nah wirkende Matratze des oberen Bettes. Urks.

 Ich schäle mich aus dem Bett und krieche durch die Wohnung. Kaffee, bitte. Der hilft immer.

Aber diesmal…autsch! Ach nee, heißer Kaffee, das hatte ich ja total vergessen, passt momentan aus unerfindlichen Gründen nicht zu meinem Backenzahn. Der da hinten rechts unten, das Aas schmerzt seit einer Woche. Ich war extra noch mal beim Zahnarzt kurz vor der Abreise, und das mit meiner Zahnarztphobie! Der Doc hatte nichts gefunden, unerklärlich, nö, wir bohren nicht, Schmerztabletten ins Gepäck und gute Reise. Schluchz. Ich kann meinen Kaffee nicht genießen.

Mit Verena halte ich Rat, was nun haustechnisch zu tun sei. „Also“, meine ich, „Ich ziehe jetzt da drüben ein, bei Tageslicht ist alles schöner!“ Was bin ich tapfer.

Klemme mir meinen Kram unter den Arm und mache mich vom Acker. Apropos, der Ackerrand beginnt gleich nebenan. Natur pur. Ist ja eigentlich meins, ich mag Natur.

 Im Fischerhaus lasse ich mich häuslich nieder. Auf der Terrasse ist es so schön, Sonne, der Blick übers Wasser. Ich sitze faul herum, während nebenan die Handwerker ordentlich schuften und beim Nachbarhaus renovieren, Bäume fällen und weiß der Himmel, was noch alles umkrempeln. Ich gucke ihnen träge zu, trinke meinen lauwarmen Kaffee (hab ja gelernt) und mache mal - nix. Schön so.

Ich gehe zum Bootssteg hinunter und schaue übers Wasser. Auch ganz schön. Nach einer Weile wird es mir etwas zu ruhig und idyllisch. Ich wandere zu dem großen, geschlossenen grünen Tor, das am Ende der Schotterstraße steht. Lustig, man kann prima an den Seiten drum herum gehen. Ich wandere nun also am Bodden entlang und genieße die Landschaft. Rechts das Wasser und Schilf, links Wiese und ein lichtes Wäldchen. Ich bleibe stehen und schaue mich um. Man sieht ganz weit. Ins Nichts, sozusagen. Ich habe das Gefühl, eine Überdosis Natur zu mir genommen zu haben, und kehre zurück in die Zivilisation des Dorfes.

Verena und ich fahren ins nächste Dorf, wo wir uns mit Lebensmitteln eindecken. Immerhin ist hier der Handyempfang etwas besser, ich kann mit der Bande daheim telefonieren. Ja, ich lebe noch, haltet durch, futtert Pizza und Burger!

Spätnachmittags, ich hänge auf der Terrasse herum,  wird mir etwas kühl. Ich gehe ins Haus und drehe die Heizung auf. Die macht keinen Mucks. Hm. Heißes Wasser kommt aus den Wasserhähnen. Heizanlage, was willst du? Was fehlt dir? Nach zwei Stunden rufe ich die Hausverwaltung an. Ich höre während des Gespräches heraus, dass man mich für zu doof, eine Heizung anzustellen, hält. Ja, danke. Wenn man telefonieren will, muss man quer über den Acker hüpfen und hoffen, dass die Verbindung nicht abbricht, wenn man endlich eine hat. Im Dämmerlicht stolpere ich über Rüben, oder was auch immer hier angebaut wird. Herrjeh, Hausverwaltung, ich friere! Ach, morgen kommt jemand vorbei. Danke sehr.

Die Heizung verweigert hartnäckig den Dienst. Es wird nun so richtig dunkel und ich melde mich bei Verena an. Klemme mein Gepäck unter den Arm und krieche erneut bei ihr im  warmen, heimeligen Schwedenhaus unter. Verena ist ganz froh, so ist sie wenigstens nicht allein da, denn irgendwie ist das Dorf wie ausgestorben. Selbst meine Bauarbeiter sind bei Anbruch der Dämmerung spurlos verschwunden. Wir lassen uns vom TV unterhalten und gruseln uns auch nur ein ganz kleines bisschen, allein in der Pampa.

Das Etagenbett wartet bereits auf mich. Ich sortiere mich und mein Bettzeug und verdränge meine Zahnschmerzen.

 

Tag drei

Ich bin schon in Übung, denke ich, als ich mich aus dem Etagenbett winde. Verena kraucht durch das Dorf, ich trinke lauwarmen Kaffee. Da war doch was. Ach ja. Die Hausverwaltung und die Heizung. Richtig. Ich schlendere also zum Fischerhaus und treffe dort einen netten Mann, der die Heizungsanlage mit mir begutachtet. Genau, dafür bin ich die richtige, ich krame hervorragende fachlich taugliche Kommentare aus meinem Gedächtnis, um zu vertuschen, dass ich von Heizungen null Ahnung habe. Okay, nicht nur von denen, alles Technische ist, äh, ich sag mal so, in meinen Händen nicht sehr gut aufgehoben.

So auch diese Heizung. Sie will nicht. Bevor der nette Mann in sein Auto springt,  erklärt er mir, sie würde wollen. Sie will doch aber nicht. Es liegt vermutlich an mir, denke ich, während ich in mein Auto steige. Ha, ich sitze das Problem aus! Ich fahre jetzt nach Rügen und mache mir da einen lustigen Tag, und wenn ich zurück bin, läuft die Heizung sicher wie geschmiert!

Rügen ist, wie immer, wunderschön und eine Reise wert. Am besten gefällt es mir in dem Park vom Schloss Ralswiek. Nebenan finden die Störtebeker Festspiele statt. Nein, nicht heute, es ist ja Herbst, Saison beendet. Ich schiele durch die Bretterzäune zur Bühne, wo eine Führung abläuft. Nee, brauche ich nicht. Ich spaziere lieber durch die Parkanlage mit den uralten Bäumen und blicke neidisch zum Schlosshotel hin. Die haben bestimmt Zimmer mit Heizung.

Im Haus zurück stelle ich fest, Überraschung, dass die Heizung nicht angesprungen ist. Nun rufe ich zur Abwechslung mal meinen Veranstalter an. Ihm fällt so aus der Ferne allerdings auch nichts ein, außer, ich könnte ja den Ofen anheizen. Könnte ich schon, wenn ich Holz hätte. Mit Öfen kenne ich mich hervorragend aus, im Gegensatz zu Heizungen.

„Ja“, meine ich, „Was ist denn mit der Erdgeschosswohnung im Schwedenhaus, die steht doch leer. Und sie hat eine Heizung, oder?“

 Also gut, ich darf dort einziehen. Ich packe meinen Kram zusammen und breite mich im Schwedenhaus aus. Hurra, es ist warm!

Abends krieche ich aus Gewohnheit dort ins Etagenbett und nicht ins große Schlafzimmerbett. Nach einem sehr kurzen Schlaf werde ich wach, weil etwas kratzt. Nein, nicht die Bettwäsche. es kratzt in der Wand. Ich klopfe mal energisch gegen sämtliche Außenwände. Das Kratzen pausiert für etwa fünf Minuten. Dann schabt und knuspert es munter weiter. Ich klemme mir mein Bettzeug unter den Arm und ziehe einen Raum weiter. Das Mäuslein /die Ratte / der Marder /wer auch immer zieht mit. Es kratzt und krabbelt, so kommt es mir vor, direkt neben mir in der Wand.

Ja gut, ich nächtige dann eben auf der Couch im Wohnzimmer. Zur Ruhe komme ich aber erst einmal nicht.  Das Herumgeliege hat den Vorteil, dass mir eine Idee für meine Kurzgeschichte einfällt. Gegen sechs Uhr morgens schlafe ich tatsächlich ein.

 

Tag vier

Hurra, ich habe die Muse geküsst! Ach nein, sie hat mich geküsst! Egal jetzt, ich sitze im warmen Schwedenhaus und schreibe im Rekordtempo meine Kurzgeschichte. Vergesse, dass der Kaffee heiß ist und jammere zwischendurch ein wenig, bis er abgekühlt ist. Also, auf die Dauer ist das ja kein Zustand. Ich bin kaffeesüchtig, ich oute mich mal, und lauwarm, nee. Prompt stolpert die Inspiration herum und muss ermuntert werden. Ja nix da, jetzt wird die Geschichte geschrieben. Erstaunlicherweise wird es keine sehr lustige, muntere, kurzweilige Plaudergeschichte. Es ist ernst! Ich will heißen Kaffee! Und keine Zahnschmerzen!

Immer, wenn ich meine Besatzung kleiner grauer Zellen ordentlich gefordert habe, brauche ich danach eine Abkühlung. Aye, Chef, wir können nicht mehr, Warpkernüberlastung!!! So oder ähnlich glimmt und glüht es in meinem Kopf.

Ich mache mich also auf in die Natur. Davon gibt es hier ja reichlich. Menschen dagegen finde ich nicht, nur immer mal wieder Verena, ach ja, sie ist ja auch noch hier.

Hier ist es so ruhig, dass ich optimistisch ausprobiere, die Bande zuhause anzurufen. An einem Ackerrand habe ich Netz und es gelingt mir, sie zu kontaktieren. Ja, alles sei prima. Ich werde leicht misstrauisch. Ich kenne die, wenn sie so harmlos zuckrig klingen, haben sie das Haus bereits mindestens einmal auseinander genommen. Ach, auch egal, denn sie haben noch viel Zeit zum Aufräumen, bis ich wiederkomme.

Verena hat Einheimische aufgetrieben und sie irgendwie in Gespräche verwickelt. Ein Mann gibt nach hartnäckiger Befragung zu, dass hier hin und wieder der Brötchenmann vorbeischaut und frische Bäckereiprodukte anbietet. Diesen Event wollen wir unbedingt erleben! Als ich höre, dass der Brötchenmann morgens vorbei guckt, winke ich müde ab. Ich bin hier zum Ausschlafen, nicht zum Brotjagen. Verena bekommt aber von mir die Lizenz zum Brötchenmitbringen. Da haben wir doch was, worauf wir uns freuen können!

Abends sitze ich chillend auf meiner Couch in der warmen Erdgeschosswohnung und gucke gruselige TV-Filme. Das ist keine besonders gute Idee, stellt sich gegen 22:00 Uhr heraus. Mittenmang im Film gibt es einen hässlichen Knall und ich sitze plötzlich im Tappendustern. Stille. Dunkelheit. Waaa. Kein Messer zur Hand. Ich schleiche durch die Wohnung zum Hausflur und überlege, ob ich nun erst das Messer suchen soll oder doch zunächst mal schaue, ob Verena noch lebt. „Verena?“, rufe ich versuchsweise ins Dunkel. „Ja, ich bin hier!“, schallt es zurück.

Wir freuen uns wie die Schneekönige, dass wir immerhin zu zweit sind, und lassen uns bei Kerzenschein in meiner Bude nieder. Wir gucken aus dem Fenster. Alles stockfinster. „Nee, ich geh da nicht raus!“, verkünde ich. Es gibt Zeiten, da muss man tapfer sein, und es gibt Zeiten, da darf man darauf verzichten. Dies ist so eine Situation, ich bin ja nicht blöd. Wir überlegen, irgendwo anzurufen. Gute Idee, eigentlich, aber natürlich haben wir gar kein Netz. Traurig betrachte ich das Display meines Handys und seufze. Verena und ich führen tiefschürfende Gespräche bei Kerzenlicht. Stunden später springt der Strom wieder an.

Ich klemme mir mein Bettzeug unter den Arm und lande mal wieder im Etagenbett in Verenas Wohnung. Wir sind uns da recht einig. Zu viel Aufregung für einen Abend. Geübt quetsche ich mich ins Bett und klappe die Augen zu. Morgen, das steht fest, reise ich ab.

 

Tag fünf

Ach, nun denken wir doch mal positiv und werden aktiv, finden wir, das bisschen Stromausfall, und somit mache ich mich mit Verena auf die Socken Richtung Stralsund. Dort gibt es angeblich ein Shopping Center. Zielstrebig brettere ich durch die Kreisel, von denen es hier in der Stadt eine große Auswahl gibt. Erst, nachdem Verena einen Passanten ausgequetscht hat, finden wir den Konsumtempel. Wir kringeln flott einmal hindurch.

Im Zooladen kommt meine Meeritis durch und ich möchte dringend ein Meereschwein einpacken. Ich überlege, wie ich es im Schwedenhaus unterbringe bis zur Heimfahrt. Da fällt mir ein, dass zu Hause 22 Meerschweinchen auf mich warten, was die wohl denken, wenn ich noch so einen Vielfraß mitbringe? Total diszipliniert zerre ich mich aus dem Zoogeschäft heraus und eile in den Laden nebenan, in dem Verena schon verschollen ist:

Ein Buchladen, welch Oase! Wir verschwinden für gefühlte fünf Stunden darin und kommen mit Büchern bepackt wieder heraus, inzwischen hungrig vom vielen Lesen und Shoppen. Äh. Essen? Kein Restaurant, nix im überschaubaren Center. Das ist ja ein Ding.

Wir eiern also Richtung Bodden zurück und suchen irgendwas, wo man sitzen und essen kann. Unsere Ansprüche schrumpeln, je näher wir unserem Dörfli kommen, denn dort, das wissen wir ja nun ganz genau, gibt es nix. Endlich finden wir ein Lokal. Begeistert bestelle ich eine Soljanka und versichere der Österreicherin Verena, dass dies quasi ein ostdeutsches Nationalgericht sei. Sicherheitshalber bestellt sie sich einen Salat. Gute Wahl.

Ungläubig starre ich meine Suppentasse an. Was ist das da? Es ist alles Mögliche, könnte auch Katze, Hund oder Meerschwein sein. Es schmeckt auf jeden Fall nicht nach Soljanka. Ich löffle die halbe Schüssel aus, dann gebe ich auf, nicht mal mit viel Phantasie kann ich mir das Essen noch schön denken.

Naja, dann gehe ich eben spazieren.

Oder doch nicht?

Nun hat sie mich erwischt, die Herbstschlappheit.

Ich finde im TV meine Lieblingsserie aus den 90ern wieder und mache mir einen lustigen TV-Nachmittag, während die Dämmerung hereinbricht und es nieselt, nieselt, nieselt. Zum Glück nicht im Wohnzimmer.

Abends nehme ich mir das neu erstandene Buch vor. Ach du sch…, in welchem Wahn habe ich denn so daneben gegriffen? Es ist ein kitschiger Liebesroman, aus dem die Herzchen herauskleckern, wie soll ich das nun überstehen? Aber bezahlt ist bezahlt, nun lese ich das Ding auch! Sehr schnell bin ich sehr müde, komisch eigentlich, und packe mich ins Etagenbett in Verenas schöner Wohnung. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass ich die Nächte mal lieber da verbringe, damit es keinen Stromausfall, nervige Kratzattacken in den Wänden oder Heizungsausfall mehr gibt.

Hoffentlich träume ich nicht von dem Kitschbuch.

 

Tag sechs

Der Tipp mit dem Brötchenmann war falsch! Es gibt ihn gar nicht! Also, zumindest nicht hier. Hier gibt es den Schlachtermann. Nee, den wollten wir gar nicht haben. Ich möchte zum Frühstück ein knackiges Brötchen, oder sogar zwei, aber doch kein Kotelett. Also wieder Toastbrot, seufz…

Verena und ich machen heute einen Ausflug in die Natur. Immer noch gibt es  davon reichlich zur Auswahl. Wir entscheiden uns für die unendlichen Weiten hinter dem grünen Tor. Vor dem Tor gibt es allerdings eine Wiese mit zwei jungen Schafen drauf, die Verena knuddeln muss. Ich finde die beiden ganz nett, aber in meiner Kindheit hatte ich reichlich mit Schafen jeglicher Art zu tun und bin daher nicht so wild auf die Viecher. Ich persönlich halte Schafe, zumindest im Vergleich zu Meerschweinchen, für ziemlich doof. Äh, nicht so super intelligent, wollte ich schreiben. Prompt frisst ein Schaf Verenas Haare. Ich verkneife mir ein „Siehste!“ und wir machen uns auf den Weg Richtung Bodden.

Verena fotografiert Pilze. Das ist ja mal ein Highlight. Ein Pilz. Wenn man ihn rauchen könnte, wäre es natürlich ein noch schönerer Fund. Wir lassen ihn stehen, ich kenne mich nicht so gut aus mit  Pilzen.

Wir sind total wagemutig und beschließen, uns mal durch das Schilf zu schlagen. Okay, zunächst durch das Gestrüpp. Dann durch Gestrüpp. Als wir das Gestrüpp später durchquert haben, wartet auf uns Gestrüpp. Ach, da, Schilf, dahinten. Wasser ist da sicherlich auch irgendwo. Och nee, ich bin leicht unmotiviert und außerdem regnet es fast. Man könnte auch ins warme, trockene Schwedenhaus zurückgehen und einen heißen Tee trinken.

Richtig, beim Teetrinken fällt es mir wieder ein: Ich habe ja Zahnschmerzen! Ich bereite Verena schonend darauf vor, dass ich mich am nächsten Tag vom Acker machen werde. „Nimm mich mit!!!“, bittet sie. Okay, wir planen also die Abfahrt.

Ich schreibe ein paar sehnsuchtsvolle SMS gen Heimat und drohe üble Dinge an, für den Fall, dass das Haus sich nicht mehr an seinem Platz befindet, wenn ich wieder da bin. Oder sollten sich Dinge darin befinden, die nicht hineingehören. Ich rede nicht von Pizzaschachteln und Burgertüten. Die sind ja noch harmlos.

Die Daheimgebliebenen schreiben entsetzte Antworten im Sinne von „Oh, morgen schon??? Alles prima hier, Mama, klasse, ja, ja! Aufgeräumt! Sauber!“ Ich glaube denen kein Wort und schreibe meinen Nachbarinnen. Diese versichern, zumindest von außen sieht es bei uns gut aus und das Haus steht noch. Drinnen waren sie schon lange nicht mehr, also, seit einer Woche nicht, und da kann natürlich viel passiert sein. Ach ja, die Mülltonne geht nicht mehr zu, zu viele Burgertüten quellen raus. Aber sonst…

Ach, ich mache mir da mal keine Gedanken mehr und freue mich auf Zuhause. Das Etagenbett werde ich vermissen. Was ist das kuschelig darin!

 

Tag sieben

So, jetzt ist aber Schluss! Verena und ich packen. Ach, ich finde uns jetzt nicht sooo schlecht, statt Sonntag fahren wir eben bereits Donnerstag, wir haben also fast bis zum Ende durchgehalten. Viel gruseliger ist die Vorstellung, zu Hause ins Monsterchaos zu stolpern.

Tschüss Schwedenhaus, und tschüss auch Fischerhaus, schön, dass deine Heizung inzwischen repariert wurde!

Wir fahren durchs herbstlich trübe Nichts. Nichts, nichts, nichts.

Verena und ich sausen über die Autobahn. Bei Rostock schleichen die anderen Autofahrer nervig langsam, pöh, denke ich, was’n los hier, ihr Schlaftabletten. Weit und breit nix los auf dieser schönen, breiten Autobahn.  „Blitz!“ Ach gemein, eine Radarfalle hier. Klar, dass die Einheimischen sich da auskennen… Ich hadere ein wenig mit meinem Schicksal und versuche herauszufinden, welche Geschwindigkeitsbegrenzung es da gab. Kann mich nicht recht erinnern. Das könnte daran liegen, dass ich die arme Verena totgequatscht habe. Natürlich kann ich gleichzeitig reden und Auto fahren! Aber das mit den Zahlen auf den Schildern…wer wird denn da so kleinlich sein. Ach, was soll‘s, zucke ich mit den Schultern. Das Ticket bekommt der Herr B., der Wagen ist auf seinen Namen gemeldet.

Ich schubse Verena in Lübeck am Bahnhof aus dem Wagen. Drück, knautsch, es lebe die deutsch-österreichische Literaturfreundschaft, und ab mit uns in verschiedene Richtungen.

Apropos Richtungen. Mich erwartet an der nächsten Ecke sozusagen das Desaster des Tages. Ohne es auch nur zu ahnen, gerate ich in den größten Kreisverkehr, der mir jemals untergekommen ist. Vier, fünf Spuren, ich kann das gar nicht zählen. Nein, bitte nicht. Eigentlich möchte ich jetzt gern ein bisschen weinen. Die Busfahrer auf der Spur neben mir blicken leicht mitleidig, die Fahrer der anderen Autos hinter mir sind ungerührt. Wer sich zum Kreisel hin wagt, kommt darin um. Los, Olle, gib Gas, schreit es mir mental von hinten in die Ohren. Urks. Mein Hirn bockt. Nee! Tödliche Gefahr! So viele Fahrspuren, welche ist denn meine??? Je nu, denke ich, ihr könnt mich mal, und drücke kräftig auf das Gaspedal. Surfe auf der zweiten Spur dahin. Könnte auch die dritte sein. Keiner beschwert sich, alle preschen mit, nachdem ich mich ja nun endlich für vorwärts entschieden habe. Ach, alles gar nicht so schwer! Ich finde sogar auf Anhieb meine Ausfahrt! Ich schwöre es, ich fahre null Extrarunden. Zack, raus aus dem Kreisel und ab nach Hause. Ich benötige dreißig Kilometer, um wieder vom Adrenalin runterzukommen. Kaum zu Hause, geht es bedenklich wieder rauf damit. Aber das ist eine andere Geschichte, die an einem anderen Tag erzählt werden möchte.

Ja, so war das am Bodden. Ruhig, beschaulich, erholsam.

Das Ticket wegen zu schnellen Fahrens kam drei Wochen nach mir an.

 

 

 

 

Morgens um zwei

 

Ich öffnete die Pillendose und guckte hinein. Ganz unten am Grund sah ich noch zwei kleine, weiße Pillen. Ich erblickte eine Gestalt, die herumschwamm und heftig mit den Armen ruderte.

„Ich kann dir nicht helfen, ich kann auch nicht schwimmen!“, sagte ich ins Pillenglas hinein und schloss den Deckel.

Jetzt hörte ich Hilfeschreie aus dem Glas, laut, laut und eindringlich. Verärgert stellte ich die Dose auf den Tisch. Nahm sie wieder in die Hand. Ich hielt sie ans Ohr. Ich hörte gar nichts.

Plötzlich beunruhigt, öffnete ich erneut den Deckel und spähte angestrengt ins Glas.

Eine Wasserflut schoss mir entgegen, warf mich um, ergoss sich mit rasender Geschwindigkeit in den Raum. Ich schnappte nach Luft und strampelte, das Wasser stand mir schon bis zum Hals. Ein Fernsehgerät trieb an mir vorbei. Ich klammerte mich daran fest. Die Welle floss aus dem Fenster heraus und riss mich mit, mein Fernseher und ich stürzten in die Tiefe.

Ich fand mich in einem Kängurubeutel wieder. Ich öffnete die zur Faust geballte Hand und blickte auf das Fernsehgerät auf meiner Handfläche. Es fiel herunter, als das Känguru einen besonders heftigen Satz vorwärts machte. Ich bückte mich und grabbelte in den weichen, pelzigen Falten nach dem Fernseher.

Etwas schnappte nach meiner Hand. Ich zuckte zusammen und zog die Hand hoch. Ein Goldfisch hing an meinem Zeigefinger.

„Lass los“, fauchte ich.

Der Fisch begann zu grinsen, verlor den Halt und fiel aus dem Kängurubeutel.

Ich traute mich nicht, noch einmal nach dem TV-Gerät zu suchen. Mir war von dem ständigen Auf und Ab im Beutel inzwischen sehr, sehr übel.

„Ich-muss-gleich-spucken“, warnte ich höflich.

Abrupt bremste das Känguru. Es zog mich mit spitzen Fingern aus dem Beutel und ließ mich auf den Boden fallen.

Ich blinzelte. Das Känguru war verschwunden. Im grellen Mittagslicht saß ich auf roter Erde. Stimmte gar nicht. Ich saß auf einem wogenden Mohnfeld, rote Blüten trugen mich.

Zu spät bemerkte ich die Schlingpflanze, die sich um meine Beine gewunden hatte. Mit erstaunlicher, unerbittlicher Kraft zog sie mich hinab.

Ich saß am Küchentisch und öffnete die Pillendose. Ganz unten waren noch zwei kleine, weiße Pillen. Ein Känguru sprang auf ihnen immer hin und her, von der einen zur anderen.

„Du blödes Viech“, knurrte ich und machte den Deckel zu.

 

 

Idstedt

 

Sehnsucht war es, die mich trieb

Ein Haus zu kaufen auf dem Land

Am Waldesrand, am Wiesenhang

Und Sonne bricht durch das Geäst.

 

Und sitzt du mit mir auf unserer Bank

Vor dem Baum, den ich uns gepflanzt

Hältst du nur still meine Hand

Und Vögel tanzen im Geäst.

 

Blüten fallen herab, dann Laub, dann Staub

Der Schnee hüllt die Bäume ein

Am Waldesrand, am Wiesenhang

Und du hältst still meine Hand

 

Wir sind nicht mehr

Du bist nicht mehr

Auch ich werde bald gehen

Unser Haus wird nicht mehr sein

 

Doch wer sich setzt auf unsere Bank

Und sieht ihn an, unseren Baum

Mag auch schauen still zum Waldsrand

Und spürt die Liebe, die dort wohnt.

 

 

 

 

 

Liv und das Zauberamulett

Ich saß am Schleiufer und hielt das Amulett in den Händen. Die grünen Steine glitzerten mit dem Wasser des Flusses um die Wette, als ich das Geschmeide hin und her drehte. Es war kalt hier am Wasser, und der eisige Ostwind ließ mich schaudern. Ich zog das dunkelgrüne wollene Tuch enger um meine Schultern. Warum hatte Mutter mir ihren Schatz ausgerechnet heute anvertraut? Am Jahrestag der Schlacht? Ich blickte über meine Schulter nach hinten, zu den Ruinen unserer Stadt. „Du musst fort“, hatte Mutter gesagt. „Es ist nichts mehr übrig von unserem alten Leben. Suche dir eine neue Heimat.“

Und dann hatte sie die Truhe geöffnet und aus einem alten Lumpen die goldene Kette herausgewickelt und mir ihren Schatz anvertraut.

Ich stand auf. Es war einfach zu kalt auf den Steinen, ich musste mich bewegen. Ich legte die Kette um und schloss sie. Dann strich ich mit beiden Händen mein Kleid zurecht und versuchte, mein Spiegelbild im Wasser zu erhaschen. Doch die Wellen verwischten die Konturen. Da stand ich, eine schattenhafte Gestalt im Wind. Magie, dachte ich. Wie soll das funktionieren?

Wieder überkam mich Bitterkeit, die Verzweiflung brannte in mir, und ich wünschte mich nur noch fort.

 

In einem Wirbel von Farben und Geräuschen drehte ich mich in atemloser Geschwindigkeit, verlor die Orientierung und fiel hin. Nach einem Moment, der mir vorkam wie eine Ewigkeit, erfasste ich, dass ich auf Holzplanken lag. Ich berührte die Bohlen mit den Händen und kam auf die Knie. Da bemerkte ich das Paar Beine neben mir und hob langsam den Blick. Ein Mann starrte auf mich herab. „Bei Loki!“, staunte er. „Wo kommst denn du so plötzlich her?!“

Er sah zum Fürchten aus. Langes, zotteliges Haar, ein Bart, hinter dem man die Gesichtszüge nur erahnen konnte, und hellwach funkelnde grüne Augen waren alles, was ich in diesem Augenblick aufnahm. Ich war sprachlos. Wo war ich hier? Der Boden schwankte immer noch, und ich begriff, dass ich mich auf einem Schiff befand. Die grauen Segel ratterten im Wind, und mehrere grimmig aussehende Gestalten, ebenfalls mit zottigen Bärten, umscharten mich.

Der Mann musterte mich immer noch prüfend, während ich zitternd auf die Beine kam. Ich zupfte an meinem Umschlagtuch und versuchte, die glitzernde Kette zu verbergen. Dänen! Schoss es mir durch den Kopf. Ausgerechnet zu diesen Mördern und Plünderern hatte es mich verschlagen. Mein Herz schlug schneller, ich geriet in Panik.

„Nun?“, fragte der Bärtige, jetzt mit einem drohenden Unterton in der Stimme, er hatte sich von der Überraschung erholt. „Wer bist du und was machst du auf meinem Schiff?“

„Eine Frau an Bord, das bringt Unglück“, grollte ein anderer. Meine Beine zitterten immer noch fürchterlich, und mir wurde schlecht. Ich schwieg auch weiterhin und  starrte auf die Planken, was sollte ich schließlich auch sagen? Der Bärtige knurrte: „Bringt sie unter Deck, ich kümmere mich später um dieses Problem!“, und eifrige, grobe Hände zerrten mich fort. Das Schiff schwankte immer noch schrecklich, und ich begriff langsam, dass dies auch der Mannschaft zu schaffen machte. Ich wurde durch eine Luke ins Dunkel gestoßen und fiel auf etwas Weiches. Ich zuckte zusammen. Nichts regte sich. Vorsichtig tastete ich und stellte fest, dass ich auf einem Stapel aus Schaffellen lag. Inzwischen wankte das Schiff in einem fürchterlichen Sturm, und meine Übelkeit nahm zu. Oje, seekrank, dachte ich resigniert.

 

Die nächsten Stunden verbrachte ich, fest in den Schaffellen vergraben, damit, mit meiner Seekrankheit zu kämpfen und meine Angst zu bekämpfen. Ich konnte nur hoffen, dass die struppigen Dänen, im Gegensatz zu ihrem Aussehen und Benehmen, wenigstens gute Seemänner waren.

Irgendwann schlief ich vor lauter Erschöpfung ein, als die Bewegungen des Schiffes nur noch ein Schaukeln waren, das mich einlullte.

 

Unsanft wurde ich geweckt. Ein Däne rüttelte an meinem Arm und zog mich hoch. „Nun komm schon, der Kapitän der „Feuervogel“ will dich sehen!“, knurrte er. Mühsam rappelte ich mich auf und strich mir das zerzauste Haar aus dem Gesicht. Na, dachte ich, das färbt ja schon ab, ich sehe bald genau so aus wie diese Räuber und Halunken.

An Deck blinzelte ich einige Male, denn die Sonne strahlte und es herrschte Windstille. Die Segel hingen schlaff und die Seemänner warfen mir vorwurfsvolle Blicke zu. Als ob ich an der Flaute schuld wäre. Ich war so erbost, dass ich zornig zurück funkelte, bis mein Blick den des Kapitäns traf, der mich spöttisch musterte.

„Also, Herzchen, was suchst du auf meinem Schiff?“, fragte er freundlich. Ich war auf der Hut, denn irgendetwas in seinen Augen war da, das mich belauerte, wie ein Wolf ein Lämmchen betrachten würde.

„Ich bin aus Versehen hier gelandet“, sagte ich reichlich phantasielos und unglaubwürdig. Um mich herum wurden passende Kommentare abgegeben.

„Ach.“

„Ja.“, bekräftigte ich.

„Na gut, ich habe gar keine Lust, mit einer mageren kleinen Göre zu streiten. Pass mal auf: Wir sind auf hoher See. Es ist mir ein Rätsel, wie du dich so lange verstecken konntest, so groß ist die „Feuervogel“ ja nun auch wieder nicht. Aber wir haben nun zwei Möglichkeiten. Zum einen könnte ich dich über Bord gehen lassen. Das wäre sicher am einfachsten und macht am wenigsten Scherereien.“

Er beobachtete mich. Und ich tat ihm den Gefallen und wurde blass.

„Oder aber du hältst dich ganz brav im Hintergrund, schrubbst, putzt, nähst, was weiß ich, was ein Weib auf einem Schiff machen kann, und wenn wir unser Ziel erreicht haben, gehst du dort an Land und verschwindest ganz schnell in der Menge.“

Ich nickte eifrig. Ja, ich würde sehr unauffällig und nützlich sein. Ich würde mich in einem Winkel vergraben, am besten unter den Schaffellen. Ich wagte, nach der Dauer der Reise zu fragen. Gelächter erscholl.

„Einen Mond! Mindestens! Und wenn die Flaute anhält, noch länger!“, rief ein rothaariger Dünner.

Das war ja ganz entsetzlich. Ich merkte, wie meine Beine unter mir nachgaben, und hielt mich irgendwo fest.

„Ja, Mädchen, bist du wahnsinnig?“, schrie einer der Männer noch, dann zischte etwas mit unglaublicher Geschwindigkeit scharf an meinem Kopf vorbei und ich fiel auf die Planken.

 

Nach diesem Beinaheunfall wurde ich schleunigst wieder unsanft unter Deck befördert.

Offensichtlich eignete ich mich nicht für das Leben an Bord, denn immer wieder passierten mir Missgeschicke, wenn ich doch einmal meine Nase aus dem Bauch des Schiffes herausstreckte.

An der verkehrten Wetterlage war ich auch schuld, ließ man mich wissen.

Die Flaute hielt an, und wir dümpelten auf hoher See. Ich fand das eigentlich sehr schön, man konnte den Blick schweifen lassen. Überall nur Wasser, leuchtend blau, wie ein glatter Spiegel. Doch die Mannschaft murrte, und Knut, der Kapitän, schaute mich immer häufiger misstrauisch von der Seite an. Ich wurde, für Räuberverhältnisse, noch recht gut behandelt, man gab mir zu essen und ließ mich Hosen und Hemden stopfen und flicken. Viel Geschick besaß ich nicht dafür, wie mir bereits Großmutter oft versichert hatte, aber den Ansprüchen der Seemänner schien es zu genügen. Sie ließen mich ansonsten in Ruhe, denn, wie sie immer wieder erwähnten, eine Frau hatte  an Bord eines Wikingerschiffes nichts zu suchen.

Ich hatte meinen Laderaum für mich allein. Obwohl ich so einsam war, fühlte ich mich besser als in den letzten, elenden Monaten daheim am Fluss. Knut, der Kapitän, bedachte mich mit grimmigen Blicken, wenn ich ihm doch einmal unter die Augen kam, abends, wenn ich an Deck kam, um den Sonnenuntergang zu betrachten.

„Hexe…“, murmelte er düster im Vorübergehen. Doch ich war nicht sonderlich beleidigt. Irgendwie hatte er ja Recht.

 

Wir saßen hartnäckig in der Flaute fest. Als uns die Vorräte langsam ausgingen, fiel mir etwas Entscheidendes ein. Ja verflixt, Mutters Amulett! Wie ging denn das noch. Ich musste mich sehr anstrengen und dachte scharf darüber nach, wie ich eigentlich auf das Schiff geraten war. Sehr sicher war ich mir allerdings nicht, ob ich die Kräfte des Anhängers beherrschte.

Eines Abends also, nachdem es nur trockenen Zwieback zu essen gegeben hatte, und davon auch nur eine karge Ration, saß ich auf meinem Lammfell und konzentrierte mich auf das Amulett. Ich umklammerte es mit beiden Händen und wünschte mich fort. Ich wartete einen Augenblick und öffnete dann die Augen. Ich saß immer noch im Schiffsinneren. Ich schloss die Augen erneut, drückte sie fest zu und wünschte mich mit aller Kraft nach Hause.

Ich blinzelte vorsichtig. Enttäuscht atmete ich aus. Es funktionierte nicht. Wütend sprang ich auf, tausend erboste Verwünschungen tanzten in meinem Kopf. Ich wollte hier endlich weg!

Das Schiff machte einen riesigen Satz und ich wurde heftig gegen die Planken geworfen. Es fühlte sich an, als ob sich alles mit rasender Geschwindigkeit um mich herum drehte. Ich hörte Entsetzensschreie von den Seeleuten, dann ein Rauschen und Pfeifen, so schrill und laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste. Dann kehrte Stille ein.

Die „Feuervogel“ bewegte sich nicht. Sonst hatte ich immer die feinen Bewegungen, mit denen sie auf dem Meer dümpelte, gespürt. Jetzt fehlte dieses sachte Schaukeln.

Die Luke wurde aufgerissen und der Kapitän sprang herunter zu mir.

Er zerrte mich am Arm hoch. „Verdammtes Weib!“, schnauzte er unbeherrscht. „Jetzt reicht es aber! Hex uns sofort zurück!“

„Was ist denn passiert?“, wagte ich mit dünner Stimme einzuwenden.

„Was passiert ist? Ich habe es ja gleich geahnt, was du bist, und nun komm mir nicht dumm, du hast uns hergehext!“

Knut war wirklich sehr wütend und schleifte mich hinter sich her an Deck. Dort stand die Mannschaft schweigend. Die Männer starrten mich an, als wäre ich eine Seeschlange.

„Da!“, sagte Knut schließlich und breitete die Arme aus, deutete auf die Umgebung.

Ich sah mich um. Oje. Wir waren auf einem Meer aus Gras gestrandet. Die „Feuervogel“ hatte leichte Schlagseite. 

„Wenn das keine Zauberei war, dann weiß ich es auch nicht, was hier los ist.“, sagte Knut ganz ruhig. „Und da du bereits auf sehr eigenartige Art auf meinem Schiff aufgetaucht bist, hm, was meinst du, wen ich nun also als Verursacher ansehe?“

„Mich“, sagte ich kleinlaut.

„Es war ein Unfall“, fügte ich tapfer hinzu.

„EIN UNFALL?!“, brüllte Knut los, „Was soll denn das heißen, ein Unfall? Du siehst jetzt sofort zu, dass du alles rückgängig machst, was du angestellt hast, und damit meine ich nicht nur, dass mein Schiff wieder auf dem Westmeer schwimmt, sondern auch, dass du dich in Luft auflöst, verschwindest, was weiß denn ich!“ Er schnaubte vor Wut.

Im Gegensatz zur Mannschaft, die mich ganz zweifellos für die unheilvollste schwarze Hexe auf Erden hielt und vor mir zurück wich wie vor der Pest, zeigte Knut keinerlei Angst.

„Ja. Äh. Ich weiß leider nicht, wie“, sagte ich kläglich.

„Wir könnten sie verbrennen“, schlug Eric, der Rote, eifrig vor. Zustimmendes Gemurmel von allen Seiten ließ mich erschaudern.

„Hier wird niemand verbrannt“, sagte Knut kurz.

„Oder ein bisschen am Mast aufhängen, kopfüber?“, kam von Ole, dem Dicken.

Ich merkte, wie ich immer kleiner wurde.

„Nee, wir schicken sie zu denen da, die sehen ziemlich wild aus!“, meinte Lasse und deutete nach Backbord auf die Grasfläche. Unsere Blicke folgten seiner Bewegung.

Aus dem hohen Gras waren lauter Köpfe aufgetaucht. Bunt bemalt und irgendwie sehr angriffslustig wirkend, was vielleicht an den Farben lag, düsteres Schwarz, leuchtendes Blutrot.

Während wir sie anstarrten, kamen sie aus dem  Gras, seltsame Männer mit schwarzem Haar und wenig Kleidung, dafür mit vielen Federn behängt und mit Pfeil und Bogen gerüstet.

„Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, dich daran zu erinnern, wie du uns zurückzauberst, findest du nicht auch?“, murmelte Knut dicht neben mir.

Es fiel mir aber nicht ein. Stattdessen spürte ich ein seltsames Prickeln, weil mir der Kapitän so nahe gekommen war.

Knut ging vorsichtig zur Reling. Er musterte die Fremden, die ihrerseits jede unserer Bewegungen genau beobachteten.

Der Kapitän hob langsam die Arme, hielt die Handflächen nach außen und machte ein freundliches Gesicht.

„Das nützt auch nichts“, flüsterte ich boshaft, „Ihr Dänen seid ein grundsätzlich feindseliges Volk, die da fallen nicht darauf rein.“

Knut zuckte mit dem Ohr und ich bekam Angst vor meinem Mut. Vielleicht schnappte ich auch nur gerade über und wurde hysterisch. Ich hatte hysterische Frauen gesehen. Ich beschloss, mich zusammen zu reißen.

Knut stand immer noch reglos da. Ein rothäutiger Fremder trat hervor. Er hob ebenfalls die Arme und winkte. Wir sollten herunter kommen zu ihnen.

„Neenee, Kapitän“, äußerte Eric besorgt.

Doch Knut kletterte bereits an der Strickleiter, die er vorsichtig ausgelegt hatte, hinab ins Grasmeer. Die Männer taten es seinem Beispiel nach, und auch ich kam eilig hinterher. Ich wollte auf keinen Fall allein auf dem gestrandeten Schiff bleiben.

Die Fremden umringten uns, zogen an zottigen Bärten, an meinem Zopf, zupften an meinem Kleid, am Stoff. Ich schlug einem vielbefederten kurz und heftig auf die Finger, als diese sich an Körperteile verirrten, die nur mir gehörten. Alle erstarrten. Die Mannschaft hielt entsetzt den Atem an. Plötzlich lachte der vielfedrige belustigt auf und sagte etwas zu seinen Gefährten, die darauf ebenfalls lachten. Ich beäugte ihn böse.

Schlagartig war die Stimmung freundlich und ausgelassen, offensichtlich hatte der Scherz, der auf meine Kosten ging, die Anspannung gelöst. Man bedeutete uns, zu folgen, und da wir ja nun schon einmal hier waren, taten wir dies. Knut unterhielt sich per Handzeichen mit dem Anführer.

Nach kurzem Fußmarsch erreichten wir in einer kleinen Senke eine Ansammlung von seltsamen, spitz aufragenden Zelten. Viele Rothäutige, Erwachsene und Kinder, kamen uns neugierig entgegen. Auch sie zupften an unserer Kleidung und fanden uns so ungewöhnlich wie wir sie. Wir durften am Lagerfeuer Platz nehmen und wurden reich bewirtet, was uns nach dem ewigen Schiffszwieback einfach nur wundervoll vorkam. Eine Pfeife wurde herumgereicht, an mir wurde sie allerdings vorbeigegeben. Na gut, dachte ich, ich muss das auch nicht unbedingt haben. Erstaunt stellte ich nach einer Weile fest, dass die Dänen und die Fremden immer ausgelassener wurden. Dafür, dass sie sich kaum miteinander verständigen konnten, lachten sie ziemlich viel. Besser, als wenn sie sich die Köpfe einschlagen würden, dachte ich noch. Jetzt, da ich gesättigt war und entspannt am Feuer saß, endlich wieder auf festem Boden nach der langen Seereise, wurde ich müde. Mir fielen die Augen zu.

Ich spürte, wie mich starke Arme hochhoben und fort trugen. Auch egal, ging es mir durch den Sinn, dann war ich auch schon eingeschlafen.

Der Morgen begann mit lustigem Gekicher. Ich schoss hoch. Ein Mädchengesicht lugte durch die Zeltöffnung herein. Obwohl sie so fremdartig und rothäutig war, war es dennoch eine junge Frau in meinem Alter. Sie redete ohne Unterlass, während ich nur hilflos die Achseln zuckte, da ich kein Wort begriff. Sie zog an meinem Kleidärmel und brachte mich dazu, ihr hinaus zu folgen. Aus den anderen Zelten kamen Dänen mit zerknautschten, müden Gesichtern gestolpert. Unsere Gastgeber grinsten, als hätten sie nichts anderes erwartet.

Meine neue Freundin zeigte mir das Lager, brachte mir ihren Namen bei und wollte auch den meinen wissen, sie war sehr lebhaft und ihre Zeichensprache leicht zu verstehen. Wir kicherten und alberten, komisch, so leicht und gut hatte ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt, so frei und unbeschwert. Ich verbrachte einen vergnügten Tag mit Nekai und den anderen Mädchen und fand mich abends am Lagerfeuer an der Seite des grimmig dreinblickenden Kapitäns Knut wieder.

„Na, du scheinst dich ja richtig gut zu amüsieren, Hexe!“, sagte er ironisch.

„Ich heiße Liv!“, antwortete ich patzig. Die Gesellschaft der freundlichen Fremden hatte mich mutig gemacht.

„Soso, Liv. Ich dachte, dein Name sei Hexe“, antwortete er spöttisch.

Tatsächlich hatte sich bisher keiner der Dänen die Mühe gemacht, mich nach meinem Namen zu fragen, sie hatten mich immer nur „Mädchen“ oder „Weib“ oder, meist der Kapitän, „Hexe“ genannt.

Ich wandte mich ab und würdigte Knut keines Blickes mehr.

Nach dem Essen gab es Gesang und Pfeifenraucherei, und erneut wurden die Männer lustig und machten Späße. Mir reichte es, ich begab mich ins Zelt.

Am Morgen weckten mich meine neuen Freundinnen. Wir aßen gemeinsam, dann nahmen sie mich mit zu einer alten, runzligen Frau. Vielleicht war es auch ein Mann, ich konnte es nicht genau feststellen. Aber dass ich es mit einer Person von hohem Ansehen zu tun hatte, merkte ich an der Art, wie die Mädchen der Gestalt begegneten. Ich tat es ihnen gleich. Der oder die Alte winkte mich zu sich. Ich setzte mich folgsam auf den Platz ihm gegenüber. Sie sah mir eine Weile unverwandt in die Augen. Schließlich nickte sie zufrieden und deutete auf meinen Hals. Ich griff nervös nach meinem Kragen. Die Alte wiegte den Kopf, dann grinste sie. Schließlich dachte ich, was soll´s, und nahm die Kette ab. Die Alte berührte das Amulett nicht, aber sie musterte es genau. Dann nickte sie noch einmal und sagte einige Sätze in ihrer Sprache. Ich verstand natürlich kein Wort, aber die Reaktionen der Mädchen um mich herum ließen mich aufblicken. Ehrfürchtiges Gemurmel und beeindruckte Gesichter. „Ja, wenn ich nur wüsste, was!“, seufzte ich. Dann war ich offensichtlich entlassen und durfte mich mit den Mädchen trollen. Wir verbrachten einen interessanten Tag miteinander, doch die Unbeschwertheit des Vortages kam nicht zurück. Verstohlen musterten sie mich, immer wieder fing ich Blicke auf und fühlte mich wie eine Betrügerin. Ich hätte ihnen gern erklärt, dass die Magie des Amuletts für mich ein großes Geheimnis war, das ich nicht lösen konnte.

 

Am Abend saß ich still neben Knut.

Er drehte sich plötzlich zu mir um und sagte: „Hexlein, was ist los? Welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?!“

„Es ist nichts“, murmelte ich düster.

„Ach.“

„Ja.“

„Na gut, du willst nicht darüber sprechen. Mal etwas anderes: Der Anführer der Fremden und ich haben einige Waren getauscht, wir haben Proviant erhalten und dafür ein bisschen was, das wir eh nach Eisland bringen wollten, eingetauscht. Wir könnten uns also wieder auf den Weg in die Heimat machen. Sofern dir inzwischen eingefallen ist, wie. Und solltest du dich nicht bis morgen früh ganz genau wieder erinnern, wie deine Magie funktioniert, dann werde ich recht ungemütlich.“

Die letzten Worte hatte er mal wieder im drohenden Ton ausgesprochen. Es war mir gleich. Ich glaubte nicht, dass er mir etwas antun, geschweige denn mich über Bord werfen oder im Grasmeer aussetzen würde. Ich hatte ihn während der Reise beobachtet.

Er war gerecht, wenn auch sehr streng zu seinen Männern. Eines Abends hatte ich gesehen, wie er abenteuerlich über der Reling hing, weil er Delfine bewunderte, die neben dem Schiff schwammen und, wie mir schien, tanzten. Ganz still hatte er zugesehen und dabei gelächelt. Nein, Knut war kein mordendes Untier.

So zuckte ich nun also unbeeindruckt die Achseln und vertiefte mich in mein Essen. Er betrachtete mich noch eine Weile, dann drehte er sich seinem Nachbarn, dem vielbefederten, zu und unterhielt sich mit ihm in der Zeichensprache.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wusste ich, dass es unser letzter Tag hier war. Während ich noch darüber nachsann, woher ich diese Gewissheit hatte, klopfte jemand leicht gegen die Zeltplane und kam dann durch die Öffnung herein. Es war Knut. Er musterte mich, setzte sich dann schweigend auf den Boden und wartete. Als ich es nicht mehr aushielt, sagte ich: „Und, was gibt es?“

„Du weißt doch, was ich möchte.“

Er sah mir in die Augen. „Ich bitte dich. Bring uns heim.“

Er hatte nie um etwas gebeten, nie in solch eindringlichem Ton zu mir gesprochen.

Ein Gefühl wallte in mir auf, ein Echo der Verzweiflung, die ich in der Heimat so oft erlebt hatte.

„Es tut mir so leid. Ich weiß nicht, wie der Zauber wirkt“, sagte ich leise und bedrückt.

„Versuchen wir es zusammen. Es hat mit deiner Kette zu tun, hm?“

Ich war ehrlich überrascht und riss erschrocken die Augen auf. Ungewollt zog ich mein Kleid zurecht und versuchte, den Schmuck zu verbergen.

Knuts Augen folgten meiner Bewegung.

„Na, Hexlein, immerhin lebe ich davon, dass ich wertvolle Geschmeide, die man vor mir verbergen will, trotzdem finde. Also, was hast du bei den anderen Malen gemacht?“

Knut wirkte leicht amüsiert. Nun nahm sein Gesicht einen ernsten, konzentrierten Ausdruck an.

„Wir versuchen es dann mal zusammen. Was auch immer. Also, erzähle.“, forderte er mich auf.

Ich gab nach. Was blieb mir auch anders übrig? Er wollte heim, und seine Männer ebenfalls, und ich war es ihnen irgendwie schuldig, sie zurückzubringen. Immerhin hatten sie mich weder am Mast aufgeknüpft noch über Bord geworfen.

Die nächsten Stunden verbrachten wir damit, alle möglichen Varianten von Sprüchen aufzusagen, um mit vereinter Willenskraft das Amulett zur Mitarbeit zu bewegen, aber nichts, rein gar nichts klappte.

Erschöpft sank ich hintenüber auf das Lager. Knut ließ sich neben mich fallen. Ich drehte mich zur Seite und schaute ihn an. Er wandte sich ebenfalls mir zu. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, erst langsam, aber immer strahlender, wie ein Sonnenaufgang, und in seinen Augen funkelte es.

„Du bist mit Abstand die miserabelste Hexe, die mir je untergekommen ist!“, grinste er schließlich.

„Ja, danke. Ich bin gar keine Hexe“, antwortete ich leicht beleidigt.

Er zupfte an meinen Haaren und ringelte sich eine Locke um die Finger.

„Ja, sicher“, meinte er leichthin. “Ist ja auch völlig normal, was uns passiert ist, seit du an Bord der „Feuervogel“ aufgetaucht bist. Vielleicht…“, plötzlich richtete er sich auf, ihm war ein Gedanke  gekommen, der, ich sah es, ihm wichtig vorkam.

„Ja, vielleicht liegt es an deiner Einstellung! Hexlein, was ist, wenn du nur endlich einsehen musst, wer du bist und was du bist?“

„Ach“, meinte ich verärgert, „und das wäre?“

„Ja nun, eine Hexe eben“, antwortete er ungeduldig.

„Ich bin KEINE HEXE!“, fauchte ich wütend. Dann, lauter werdend: „Hexen werden NICHT GERN GESEHEN! Du stupider, ungehobelter, unbedarfter DÄNE! Hexen ergeht es meistens nicht gut!“

Ich war aufgesprungen, so gut das in dem kleinen Zelt eben möglich war, und stand mit geballten Fäusten vor dem immer noch lässig auf dem Fell liegenden Kapitän. Der sagte nur trocken: „Festhalten!“

Verständnislos guckte ich ihn an. Dann drehte sich schlagartig das ganze Zelt, und ich verlor das Gleichgewicht. Ich fiel zu Boden, doch Knut hielt mich fest. Unglaublich lautes, schrilles Pfeifen und Dröhnen erklang, und Knut brüllte mir über dem Lärm ins Ohr: „Ich will doch sehr hoffen, dass du meine gesamte Mannschaft mit zurückzauberst, und die Feuervogel dazu! Du willst doch nicht ohne Schiff mitten im Meer landen?!“

Als der Boden sich ruhig verhielt, stand Knut auf. Er schob mich beiseite und lugte aus dem Zelt.

Er nickte zufrieden.

„Sind alle da?“, rief er, dann trat er an Deck der „Feuervogel“.

Die Mannschaft zählte ab, es waren tatsächlich alle Mann an Bord. Sie wirkten alle etwas mitgenommen, aber auch froh, endlich wieder auf dem richtigen Meer zu sein.

Ich stellte mich unauffällig neben einen Mast und genoss das leichte Schaukeln des Schiffes auf den Wellen. Ich war kein bisschen seekrank. Die schrägen Seitenblicke der Männer ignorierte ich. Was war es doch schön, hier zu stehen und den Blick über das klare Blau des Meeres schweifen zu lassen. Meine Träumerei wurde abrupt unterbrochen.

Ole stupste mich in die Seite und meinte: „Na, wenn ich das meiner Ollen zu Hause erzähle, glaubt die mir kein Wort.“

Wir sahen uns an. Ich musste lächeln, und Oles wettergegerbtes Gesicht verzog sich ebenfalls zu einem Lächeln.

Da man mir ja zur Genüge erläutert hatte, dass Frauen an Bord nicht gern gesehen waren, verzog ich mich bald in den Laderaum. Doch Knut kam nach einer Weile hinterher und erklärte, dass ich mich auf dem Schiff frei bewegen durfte.

„Das ist nun auch schon egal, und so bekommst du wenigstens genug Luft. Außerdem kannst du dann mal die Planken schrubben, das schafft unser Sören ja kaum allein“, schloss er. Na klar. Ich würde dem Schiffsjungen helfen und auf allen vieren über die grauen Bohlen krabbeln.

Wir hatten richtig gutes Reisewetter. Allerdings stellte Knut, der zum Glück ein guter Navigator war, recht bald fest, dass wir uns nicht auf dem Westmeer befanden.

„Tja, schade eigentlich, Hexlein“, meinte er im Abendrot. Wir saßen an Deck und betrachteten das Versinken der Sonne im unendlichen Horizont.

„Wenn ich unsere Position richtig festgelegt habe, sind wir hier kurz vor Holstein im Ostmeer. Übel, mit den Bauern in Schwansen hatte ich erst vor kurzem ein wenig, naja, einige Meinungsverschiedenheiten“, endete er lahm.

„Ach“, entgegnete ich spitz. „Du hast sie nicht zufällig ausgeplündert und ihre Häuser in Brand gesetzt?“

„Naja“, er rutschte unbehaglich hin und her. „Wir müssen ja auch von irgendwas leben, nicht wahr?“

„Du glaubst doch wohl selbst nicht, dass ich dazu etwas Nettes sage?“, fauchte ich. „Für eure Raubzüge gibt es keine Entschuldigung!“

„Was sollen wir denn sonst machen? Wir kennen nur die Seefahrt und den Handel!“, schnappte Knut zurück.

„Du meinst Plünderfahrt und Raub!“, korrigierte ich scharf. „Wie wäre es denn mit der Landwirtschaft?“

„Pah!“, schnaubte er verächtlich. „Im Boden herumstochern und graben. Nee danke, Hexlein. Weißt du, mir ist da eine ganz andere Idee gekommen, so im Laufe unserer Reise mit dir. Ich denke, wir werden dich an Bord behalten und ein bisschen das Navigieren üben. Und wenn du sicherer geworden bist mit deinem Amulett, schwupps, reisen wir von Ort zu Ort und …“ „Moment mal!“, schrie ich aufgebracht. „Du willst, dass ich dir bei deinen Schandtaten helfe? Niemals werde ich das tun!“ Ich war wütend aufgesprungen und umfasste unbewusst mein Amulett.

„Oh nein, tu das nicht!“, rief Knut entsetzt. Im nächsten Augenblick schoss die „Feuervogel“ aus dem spiegelglatten Meer empor und rauschte, sich immer schneller um sich selbst drehend, zu den Sternen. Schrilles Pfeifen betäubte meine Ohren, ich fiel zu Boden, und Knut lag neben mir und versuchte, mir etwas zuzubrüllen. Doch ich hielt die Hände fest auf meinen Ohren. Knut packte das Amulett, das an der Kette aus meinem Ausschnitt baumelte, und umklammerte es mit seiner Hand. Abrupt bremste unser Sternflug und die „Feuervogel“ kam ins Trudeln.

Knut schüttelte mich und packte meine Hand. Seine Finger verflochten sich mit meinen, als wir gemeinsam den Anhänger festhielten. Die Sterne flogen an uns vorbei, Wolken hüllten uns ein und lösten sich auf, das dunkle Blau des Himmels änderte sich zu Grau, hellem Blau, und wir flogen langsamer, immer langsamer, bis wir herab schwebten, ganz leicht, lautlos, zeitlos. Und die ganze Zeit blickten wir einander in die Augen, und ich sah mein Leben in seinen grünen Wikingeraugen. Und da wusste ich, ich würde es wagen. Mit ihm würde ich reisen, wohin das Amulett uns auch brachte. Und das räuberische Tun würde ich ihm abgewöhnen. Als ob er meinen letzten Gedanken gelesen hätte, begann Knut zu grinsen.

Sacht landete unser Schiff auf weichem Grund.

Unsere Reise hatte gerade erst begonnen…

 

 

 

Die Meerschweincheninsel

 

…befindet sich mitten in Schleswig-Holstein in einer kleinen Stadt in einer kleinen Siedlung. Hier leben außer den Meerschweinchen einige große und kleine Menschen. Das sind wir. Was wir so erleben auf unserer Insel, ist im Folgenden festgehalten. Besonders immer dann, wenn überraschend Weihnachten naht, wird es turbulent…

 

Weihnachten, mal wieder

Weihnachten überstanden, hurra! Der Baum fiel fünf Mal um, bis ich ihn an den Wohnzimmerschrank band, obwohl ich mir die Show gerne noch ein paar Mal angesehen hätte: Baum wird geschmückt, Baum fällt, Herr B. flucht. Christbaumkugelscherben auffegen. Baum wird erneut geschmückt, Baum fällt, Herr B. flucht ein paar Takte lauter. Na, und so weiter. Wir haben nur einen begrenzten Vorrat an Kugeln, leider.

 

Schnecken schmecken

Als unser Baby erst ein Jahr alt war, saßen wir eines Nachmittags friedlich im Wohnzimmer und Baby lutschte hingebungsvoll an irgendetwas herum. Wir konnten das Teil mühsam aus dem kleinen Mund heraus bekommen, es war eine entzückende gelbe Schnecke. Natürlich noch mit Inhalt, total lebendig. Die Schnecke suchte das Weite, und wir legten den Fall ad acta. Kann ja mal vorkommen. Sicherlich hatte unser Puckikater die Schnecke angeschleppt.

 

Vor drei Tagen spielten die lieben Kleinen im Garten. Unser Baby ist inzwischen ein paar Jahre älter, aber scheint immer noch eine eigentümliche Vorliebe zu haben: Herr B. bog um die Hausecke und sah erstaunt zu, wie sein Kind eine Schnecke von der Hauswand pflückte, dann die Schnecke liebevoll ableckte und sie in die Jackentasche stopfte. Schon wurde die nächste Schnecke gepflückt und ebenfalls probiert. Herr B. untersuchte schließlich die Kinderjacke und stellte fest, dass sich in den ausgebeulten Taschen schon etliche der Weichtiere befanden. Natürlich wurden die alle in unserer Gartenwildnis ausgesetzt, aber wir sind uns nicht sicher, ob sie nicht doch noch mal als Ableckopfer in Babys Fänge geraten...

 

Ab damit!

Immer, wenn ich die Spülmaschine ausräume, fällt mir meine Lieblingsstelle in den Kalle Blomquist-Büchern von Astrid Lindgren ein: Der Vater von Eva-Lotte steht im Garten, neben sich einen Karton voller nagelneuer, gerade von ihm gekaufter Tassen. Sorgsam holt er jede heraus und schlägt den Henkel ab. Auf die neugierige Frage der Kinder, wieso er das mache, antwortet er so ungefähr:  „Eva-Lottes Mutter zerschlägt die Henkel sowieso ständig, ich erleichtere ihr ein bisschen die Arbeit!"

Meine Mutter hat das Buch bestimmt nicht gelesen. Eines Tages, ich war etwa sieben Jahre alt, mein großer Bruder demnach 14, weigerte der Bengel sich mal wieder, meiner Mutter beim Abwasch zu helfen. Er sollte abtrocknen. Tat er aber nicht. „Na gut!", verkündete meine Mutter, "Das geht auch anders!" Sprach‘s und begann, das frisch abgewaschene Geschirr auf den Boden zu werfen. Wir Kinder standen daneben, ich eher fasziniert, mein Bruder ziemlich betroffen. Nach dem abgewaschenen Kram kam der schmutzige dran, danach öffnete meine Mama den Küchenschrank, wenn schon, denn schon, und warf den ganzen Schmodder in Scherben.

Mein Bruder hat nie wieder Mucken gemacht, wenn es ums Abtrocknen ging. Meine Mutter, die eine harmonieliebende, friedliche Person ist, hat sich ähnliche Aktionen nie wieder einfallen lassen. Schade, ich fand das toll.

Keine Ahnung, wieso ich ständig meine Spülmaschine, den Bäckermeister von Astrid Lindgren und meine Mama in einen Topf werfe. Unser Geschirr? Ja, dem geht es gut, relativ betrachtet. Es hält in diesem Haushalt zwar in der Regel nicht sehr lange durch, aber mit Schwund ist ja schließlich überall zu rechnen...

 

Das Flugzeug, das Auto und statistisches Pech

Einige Leute fragten mich leicht entgeistert, wieso wir denn ausgerechnet wieder ein italienisches Auto, und dann quasi das gleiche, bloß in Weiß, gekauft haben, nachdem der Gelbe sehr hartnäckig wirklich jede Reparatur mitnimmt, die er kriegen kann.

Kennt ihr Garp? In dem Buch geht er mit seiner jungen Ehefrau auf Häusersuche. Eines schönen Tages stehen die beiden mit dem Makler nach absolvierter Besichtigung vor einem Haus und sind wirklich recht begeistert. Da donnert ein kleines Sportflugzeug mit Krawumm ins Dach des Hauses. Der Makler bekommt ein trauriges Gesicht, er sieht den Hausverkauf schon abgesagt. Garp aber strahlt begeistert und meint:  „Wir nehmen es! Die Wahrscheinlichkeit, dass in dieses Dach noch einmal ein Flugzeug abstürzt, ist statistisch gering!"

Ja, so ging mir das mit dem Auto. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Weiße annähernd so viele Mucken macht wie...obwohl... wenn ich so darüber nachdenke... (zwei Monate später gab das weiße Auto den Geist auf)

 

Kein Kaffee

Sonntagmorgen. Stille im Haus. Die drei Nervensägen schlafen noch. Ich taumele in die Küche, fische eine Filtertüte aus dem Körbchen und freue mich. Ein ruhiger Sonntagmorgenkaffee. Ich falte die Tüte und stecke sie in den Filter. Wasser in die Kanne, wo war noch der Wasserhahn...ah ja. Schön. Am allerschönsten ist das Blubbern von Kaffeemaschinen, wenn kein Kreischen und Gezanke („Mein Butterbrot!" „Buttabooot Mimi!") und hektisches Gerenne („Ich finde kein T-Shirt, ich finde kein T-Shirt, ich finde kein...") stören.

Ich öffne die Kaffeedose. AAAAAAH!!! Kein Kaffee. O.k. Ganz ruhig bleiben. Ab in die Speisekammer. Grabbel, wühl. Wühl noch mal. Grübel. Die schlampige Hausfrau hat tatsächlich vergessen, Kaffee einzukaufen. Blöderweise bin ich diese nachlässige Person. Kein anderer da, den man zur Schnecke machen kann. Deprimiert schleiche ich zum Küchenschrank und hole das Cappucchinopulver heraus. Jeder echte Kaffeetrinker weiß sofort: Ein kläglicher Ersatz.

 

Ungefähr

Ich werde immer besser als „Ungefährköchin". Diesmal habe ich einen Ungefährkuchen gebacken, und nur so zur Kontrolle meine geschätzten Zutatenmengen gewogen. Ich kam richtig gut ran, bis auf ein paar Gramm mehr oder weniger...ach, wie das funktioniert, das Ungefährbacken?  Also, da ich beim Backen nie so recht motiviert bin, im Kochbuch nachzugucken, wieviel von diesem oder jenem Zeugs man wirklich nach Rezept nimmt, nehme ich halt Mengen, von denen ich glaube, sie werden schon stimmen...den heutigen Kuchen haben übrigens alle brav gegessen.

Natürlich funktioniert diese Methode nicht in allen Lebensbereichen, und ich kam bei meinem Mathelehrer nicht so gut an mit „Ich glaube, das sind ungefähr 13 Prozent." Sein noch mildester Kommentar war stets und immer wieder „Halb zum Klo ist auch in die Hose!" Ich möchte ihm an dieser Stelle für seine jahrelangen, vergeblichen Versuche danken, mir die Vorzüge geometrischer Figuren, von Primzahlen, Dezimalkrams und anderen Abstrakten näherzubringen. Danke für grenzenlose Geduld und andächtiges Aus-dem-Fenster-Gucken während der Mathearbeiten!

 

Der übliche Weihnachtscountdown

13.12.

 Ich ahne auch in diesem Jahr für den Weihnachtsbaum nichts Gutes...ich glaube nicht, dass wir es vor dem 23.12. schaffen, ein Bäumchen zu holen. Ich nehme gerne noch Wetten an.

 

17.12.

Keine Zeit, kein Baum.

 

22.12.

Statusbericht Weihnachtsbaum:

Wir nähern uns unerbittlich dem magischen Termin, aber einen Baum haben wir leider immer noch nicht. Inzwischen habe ich drei Wetten mit Sanni laufen: Wann wird der Baum hier einziehen? Wie sieht er wohl dieses Jahr aus? Und dann noch: Wer wird beim Aufbau und Schmücken diesmal am lautesten kreischen? Und die letzten Geschenke sind auch noch nicht gekauft. Wir können ja was Schönes basteln.

 

23.12.

Ich erwähne es ja nur ungern, aber weit und breit ist kein Baum in Sicht.

 

So, nun haben wir das Weihnachtsfest ordnungsgemäß absolviert, inklusive Verwandtenbesuche, Fressorgien, drei Kilo Übergewicht, und selbstverständlich gab es auch noch rechtzeitig einen Tannenbaum!!! Im Dunkeln, der Stand sollte bereits geschlossen werden, im Schneetreiben erstanden. Wir drehten ihn ein wenig, da sah er fast gut aus.

 

 

Hedwig Courths-Mahler in Büsum

Damals, als ich noch jung und idealistisch war, hielt ich es für eine tolle Idee, auf einem Reiterhof ein paar Wochen lang Kinder und Ponys zu betreuen. Leider hatte der Hofbetreiber „vergessen" zu erwähnen, dass wir zwei Mädels, Anke und ich, mitten auf dem platten Land allein auf einem Resthof bleiben würden mit 12 Mädels und 16 Ponys.

„Ihr macht das schon!", hieß es, und da standen wir mit 12 zum Teil heulenden, heimwehgeplagten Gören und guckten uns an. Kochen sollten wir auch. Ich zankte mich gleich mal mit dem bockigsten aller Shetties, das mich sang- und klanglos abwarf, das heißt, es buckelte, und ich hüpfte über den kleinen Teufel und stand dann genau vor dem Biest, es war eine sehr merkwürdige Situation. Das verschreckte die restlichen, noch nicht heulenden Kinder nun auch noch, und Anke und ich sahen es ein: Wir brauchten ein Highlight.

Wir berieten uns in unserem Zimmer, als uns PLÖTZLICH, wie bei Hedwig eben so üblich, die Rettung zufiel. Sie fiel in Form eines kleinen Heftchens, das auf dem Nachttisch gelegen hatte. Anke griff sich den Fetzen und begann daraus vorzulesen. Da mein Kichern immer lauter wurde, guckten bald ein paar Kinderchen um die Ecke und gesellten sich zu uns. Das war es also!

Von nun an lasen wir unseren Schützlingen in jeder freien Minute aus dem Liebesroman vor, der den schönen Titel „Ich hab dich lieb, Sannerl" (oder so ähnlich) trug. Da soll mal noch einer behaupten, wir hätten kein Kulturprogramm gemacht! Leider ließen wir das Heft am Ende der Ferien auf dem Nachttisch, ich befürchte, unsere Nachfolger wussten den Wert des Werkes nicht zu schätzen und warfen es in den Müll...

 

Zahnbürstennirvana

Zahnbürsten scheinen ein eingebautes Verschwinde-Gen zu besitzen. Ist sonst ja nicht zu erklären, dass die kleinen Biester (es gilt: je kleiner, desto schneller futsch) ständig das Weite suchen. Im Kindergarten muss irgendwo ein Nest sein, in dem sie alle herumlungern und hämisch kichernd die Tiraden der Meckermuttis mitanhören („ SCHON WIEDER weg?? Susi/ Stefan/ Paul, wie MACHST du das bloß immer??!" usw.). Bei uns im Haus habe ich das Nest endlich entdeckt:

Ich grübelte, während ich nachdenklich das Bad putzte, wie innerhalb einer Woche drei Zahnbürsten entwischen konnten. Nebenbei fiel mir auf, dass der Abfluss vom Waschbecken immer schlechter ablief, also, Stöpsel raus, mal gucken. Da! Da saßen nein hingen sie! Alle drei! Mitten im Abflussrohr.

Wie waren die kleinen Scheißerchen denn dahin gekommen? In einer aufwendigen Befreiungsaktion operierte ich mit der Hilfe meiner patenten Freundin Sanni- oder eher Sanni operierte mit meiner wenig nützlichen Hilfe - die drei Patienten aus dem Rohr.

 

Zwei Wochen später wurde der Abfluss bereits wieder verdächtig arbeitsunwillig. Ich ahnte es schon, bevor ich den Stöpsel rauszog, denn schließlich wurden bereits wieder zwei Zahnbürsten vermisst: Tataaa, da steckten sie. Also, wieder Operation Abflussrohr, allgemeine strenge Kinderbefragung ( ohne Resultate) und Bürstenkauf.

 

Eines Abends dann guckte ich meinem Nachwuchs beim Zähneputzen zu und wollte gerade das Bad verlassen, als ich erstarrte: Mit gekonntem Griff zog mein liebes Kind den Stöpsel aus dem Waschbecken, warf schwungvoll die Zahnbürste ins Nirvana und guckte ihr zufrieden hinterher. Obwohl ich mir ja nun so etwas in der Art schon hätte denken können, brauchte ich einen Moment, um die passenden Worte zu finden und ein Verhör zu starten. Bei dem übrigens keine näheren Erkenntnisse herauskamen, warum denn eigentlich mein Zwerg  die Zahnbürsten unbedingt dort hineinwerfen musste. Seitdem sind nur noch wenige von ihnen im Abflussrohr gelandet, am Bürstenschwund hat das allerdings nur geringfügig etwas geändert, immer noch verschwinden mit schöner Regelmäßigkeit die kleinen Dinger. Nuja, irgendwo werden sie schon sitzen und frech grinsen...

 

 

Shopping mit Nichtrauchern

Heute waren Sanni, meine Schwester Biggi und ich shoppen. Die kleinen Nervensägen, äh, unsere lieben Kleinen wurden mit Fastfood bestochen und hielten brav durch.

Als wir wieder aus dem Burgertempel herausgekullert waren und Biggi sich glückselig endlich eine Zigarette gönnte, passierte etwas leicht Absonderliches. Wir gingen so dahin, als ein älteres Paar etwas wirr an uns vorüberrannte, sie links an Sanni vorbei, er quetschte sich rechts an Biggi vorbei. Das war ein bisschen eng, aber Biggi hielt die Luft an, und so schrammte der eilige Mensch an der Hauswand knapp vorbei. Naja, dachte ich, etwas unhöflich, meine Schwester so beiseite zu schubsen, aber wir sind ja nicht so.

Da rief der Mann: „Eine Frau mit einer brennenden Zigarette!!!!!" mit fünf Ausrufungszeichen und guckte zu uns zurück. „Skandal!", schrie ich, und: „Besser als eine brennende Frau mit Zigarette!" kam es leicht irritiert von Sanni.

„Watt wollen Sie denn, darf man auf der Straße nicht mehr rauchen?", fragte Biggi mit ihrer zarten Stimme, so dass man sie also noch drei Straßen weiter vernahm. Der Mann verschwand eilig im nächsten Laden, während wir uns in Mutmaßungen über ein allgemeines oder ein nur für  lautstarke Frauen geltendes Rauchverbot in der Öffentlichkeit ausließen. War Biggi gar ein schlechtes Vorbild für das Kleingemüse, das neben uns daher trabte?

„Ha! Da!", rief Biggi zwischendurch, „Ein Mann mit Zigarette!" Selbiger guckte leicht verunsichert, war sich aber offensichtlich keiner Schuld bewusst und rauchte weiter. Ein Stück weiter, man glaubt es kaum, stand vor einem Geschäft eine Frau, die hielt sogar zwei Glimmstengel in den Fingern, in jeder Hand einen.

Sofort griff Biggi ein und klärte sie darüber auf, dass schon eine Zigarette etwas äußerst Verruchtes an sich habe. Die arme Passantin (sie wartete wohl auf eine Freundin, die sich im Laden auskaufrauschte) nickte ergeben und betrachtete abwechselnd die Kippen. Sie hätte wohl vor lauter Verlegenheit Biggi eine abgegeben, wenn ich mein Schwesterlein nicht weitergezerrt hätte.

Wir konnten uns leider nicht einigen, was der Mann uns eigentlich hatte sagen wollen, FALLS SIE DAS HIER LESEN, BITTEBITTE KLÄREN SIE UNS AUF!!!

Ansonsten habe ich als überzeugte Nichtraucherin noch die Anmerkung zu machen, dass Rauchen der Gesundheit schadet und man Kinder natürlich nicht zum Rauchen verleiten soll und Zigaretten und Feuerzeug nicht in ihre Finger geben darf. Da hin und wieder ja noch ein einsames Raucherlein im Stadtbild auftaucht, denke ich nicht, dass dieser Anblick den Kleinen sofort und nachhaltig schadet, außerdem hege ich den Verdacht, dass spätestens auf dem Schulklo in der weiterführenden Schule die Auswahl an Zigarettensorten ziemlich groß sein wird, da macht die Mutti sich keine Illusionen.

 

Die Weinprobe

Eines Abends bekam ich mitten in der heißen Phase des Kinderinsbettkämpfens einen Anruf. „Wir machen eine Umfrage zum Thema Wein", zwitscherte die Dame am anderen Ende der Leitung. „Trinken wir nicht. Und das ist jetzt sehr ungünstig!", knurrte ich.

Die muntere Dame ließ sich nicht abschrecken und säuselte was von drei kurzen Fragen, die sie so gern stellen würde. Na denn, was soll`s, dachte ich, die Gören kreischen so oder so.

Zwei Tage später rief sie doch glatteweg wieder an, juchu, ich hätte gewonnen. Na toll. Freu. Was denn? Eine Weinprobe, wie originell. Das war ja ein Zufall. „Na, dann schicken sie den Experten mal vorbei", meinte ich nüchtern.

Am nächsten Nachmittag war Kinderwuselkaffee hier. Im Obergeschoß schlugen sich zwei Nervensägen die Köppe ein, unten im Wohnzimmer klauten sich Krabbelmonster die Kekse und verschmierten sie auf dem Teppich, erschöpfe Muttis saßen auf dem Sofa herum, als es klingelte.

„Wer sind Sie denn?", fragte ich, leicht ins Unhöfliche fallend, den schnieken jungen Mann mit dem Köfferchen. „Ja, aber,...", wagte er einzuwenden, und ich erinnerte mich vage an den Gewinnquatsch.

Er durfte im Chaos Platz nehmen, wir fanden sogar ein paar Weingläser im Schrank und los ging`s mit der Probiererei. Die trockenen Weine kamen schlecht an, die Muttis zeigten wenig Begeisterung. Langsam arbeiteten wir uns vor, bis wir bei Edelsüß landeten, kicher, gacker.

Mittenmang immer Kindergequietsche, tote Kekse, tieffliegende Teefläschchen und die Monster aus dem ersten Stock. Ach, war ja auch egal, ob die nun kreischten, und die paar Flecken auf dem Teppich, egal, und überhaupt, egaaaaaal!

Irgendwann hatten wir alle leichte Schwierigkeiten mit der klaren Aussprache, als wir die Weine beurteilen sollten. Aber was ein echter Weinvorführer ist, der kennt die Problematik und sieht höflichst über den einen oder anderen Nuschler hinweg. Ich kam mir vor wie in einem Loriot-Sketch.

Leder musste der nette junge Mann uns schließlich verlassen, und kaum schloss sich die Tür hinter den heftig winkenden, fröhlichen Hausfrauen, guckte mein Göttergatte aus seiner Höhle äh aus seinem Zimmer und musterte uns streng. Na ein Glück, endlich wieder Ruhe. Das Gekicher sei ja nicht zum Aushalten gewesen, und ob wir wohl auch ganz bestimmt nichts bestellt hätten? Naaaa? Neenee, beeilte ich mich zu versichern, fast gar nichts. Später am Abend fand er dann doch den Bestellschein, aber ich wälzte alles auf Sanni ab.

 

Auf der Messe

Letzte Woche rief mich meine Schwester Biggi an und fragte, ob ich sie begleiten würde. Da sie ständig am Telefon isst, verstand ich sie nur schlecht und fragte nach: „Wohin? Zur Erotikmesse?? Meinste, das bringt noch was?" „Neee", nuschelte es zurück, und dann, deutlicher: „Zur E-SO-TE-RIK-Messe inne Stadthalle"

Och, najaaa. Da meine liebe Schwester sich aber schon des Öfteren zu Meerschweinchenausstellungen mitzerren ließ, und die ihr nun echt so viel Vergnügen bereiten wie einem Goldfisch das Segeln und sie dort mit fachkundigen Kommentaren auffällt („Ach, was für ein süßer Hamster!" „Meerschwein, Biggi, Meerschwein..."), konnte ich mich schlecht drücken.

Also, auf ging`s. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit kletterte Biggi am besagten Tag in meinen Kleinwagen und noch schneller wieder hinaus, als wir die Stadthalle erreicht hatten. So fix ist sie selten, mir schwante Übles. Wir trafen dann noch ihre Freundin Heike, und hinein stürmten wir in die Halle. Dort feilschte meine Schwester um den Eintritt und gewann, alles andere hätte mich auch gewundert, und schon klebte sie irgendwo an einem Stand fest. Da waren wir doch noch nicht mal richtig im Getümmel!

 

Ich ging also schon mal vor und tauchte ein in die Welt der Klangschalen, Traumfänger, Seelenbilder und Heilsteine. Na, und was da noch so alles herumwuselte, das war schon faszinierend. Heike gesellte sich zu mir, da meine Schwester kaum vom Fleck zu bewegen war. Kartenleger wollten uns beraten,  Biofettwertanalysen wollten wir lieber nicht sehen, da sind Hopfen und Malz eh schon verloren (Heike und ich kicherten leicht hysterisch), und Edelsteine kann ich zur Zeit nicht gebrauchen, die verschluckt nur der Nachwuchs.

Bei einem Stand hielten wir uns länger auf, und Biggi stieß endlich interessiert zu uns: Hier konnte man Chakra-Parfums testen. Da sechs Chakren, somit auch sechs Parfums, wir nebelten uns und die Halle ein.

Ach ja, das allerallerwichtigste war ja das Aurafoto! Man setzt man sich brav auf einen Hocker und legt die Hände auf so merkwürdige Metallplatten, und  somit sollen irgendwelche Energieströme und so weiter, ich habe nicht gut aufgepasst, und dann gibt es ein hübsches Bild der Aura. Komisch. Öh. Irgendwie so. Ich bin ja nun eigentlich die müdeste, lahmste Schnecke, da hätte es doch ein ganz mattes, blasses Bildchen geben müssen, aber nein, bunt und leuchtend war`s. Und meine Schwester, die extrovertiert und quasselig ist, die bekam ein mickriges, fades Foto. Ha!

 

Kochbuchlotto

Alles, was man dafür braucht, sind ein einigermaßen brauchbares Kochbuch und eine unmotivierte Köchin. Ersteres ist in diesem Haushalt ständig, letzteres temporär vorhanden.

Das Spiel beginnt, wenn eine hungrige Person in die Küche eintritt mit den Worten „Was gibt es denn heute zu essen?" oder, um gleich mal eine Stufe schwieriger zu starten: „Kochst du heute gar nicht?" (mit leicht vorwurfsvollem Unterton)

Die unmotivierte Köchin sitzt mit müdem/gelangweiltem/genervtem (bitte Passendes auswählen) Gesicht am Küchentisch und reagiert mit „Mmmmh".

Nun schweigen die Personen sich an. Schließlich steht die Köchin auf, öffnet (langsam!) den Schrank und zieht mühsam das schwere Kochbuch heraus, legt es umständlich auf den Tisch und setzt sich wieder. Ärmel hochgekrempelt und letzte Energiereserven aktiviert!

Unter strengster Beobachtung des Ziehungsbeauftragten schließt die Köchin konzentriert die Augen und greift beherzt nach dem Buch. Mit Schwung wird dieses nun auf irgendeiner Seite aufgeschlagen und das dort beschriebene Rezept (Augen wieder auf! Sonst schummelt der Ziehungsbeauftragte womöglich!) als das Mittagessen des Tages auserwählt.

Mit der Zeit, das muss ich ja zugeben, weiß die Köchin natürlich, in welchem Bereich des Buches sich welche Rezepte aufhalten. Einen Kuchen z.B. würde sie nie zufällig tippen (siehe auch weiter oben die Notiz zu diesem Thema). Und eine dünne Suppe würde dem Spiel bald ein Ende von Seiten der hungrigen Gestalten bereiten.

Alles in allem ein abwechslungsreiches Spiel für die ganze Familie, besonders nach Feiertagen zu empfehlen!

 

Das Kettensägenmassaker

Bei uns im Garten gibt es ziemlich viele Hecken. Hin und wieder, das wissen sogar wir Gartenkulturbanausen, muss man die auch einmal schneiden.

Eines Tages war es also soweit, ich hatte den Herrn des Hauses genug gequält und genervt und ihm Sannis schöne Kettensäge demonstrativ zurechtgelegt. „Kürzen!" lautete die einfache, klare Anweisung. Ich hielt meine Hand so auf Höhe 1,50m, vergaß aber, diese Maße dem Göttergatten noch mal schriftlich darzulegen.

Was dann kam, kann man nur als Kettensägenmassaker der gemeinen Art bezeichnen. An den Auswirkungen laboriert unser Garten heute noch.

Der Herr des Hauses setzte die Schutzbrille auf, zückte die Säge und wurde von mir leichtsinnigerweise mit der Arbeit allein gelassen.

Als ich drei Stunden später nachschaute, ob die Aktion geglückt war, wurde ich ein bisschen grün im Gesicht. Im Gegensatz zu der Hecke, da war nämlich nicht mehr viel Grün. Herr B. säbelte noch am letzten Büschlein herum, das ihm wohl nicht sehr sympathisch war, anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Höhe des Gewächses nunmehr etwa 60cm betrug.

Ich äußerte so etwas wie „Aaargh", während der Gatte versuchte, sich zu rechtfertigen. Hm, zu Anfang hatte er wohl noch die 1,50m fast getroffen, um genau zu sein, waren es 1,20m, aber ich bin ja nicht kleinlich. Von Busch zu Busch wurden die Maße geringer, so dass der letzte Strunken eben besagte 60cm Höhe aufwies.

NEIN, ICH REGTE MICH NICHT AUF!!!

Viele Gartenberater weisen ja darauf hin, dass eine asymmetrisch geschnittene Hecke etwas Pep in den Garten bringen kann. Toll. Und so blickdicht. Also, in etwa bei 60-80cm Höhe jedenfalls. Da gucken ja auch die meisten Leute durch. Naja, die ganze Sache hat den Vorteil, dass wir erst sehr spät wieder die Hecke schneiden müssen.

 

Kuchen?

Ich bin ja eigentlich nicht so die Backfee. Kochen gerne, ich finde, so ein blubbernder Kochtopf und eine rauschende Dunstabzugshaube haben etwas Beruhigendes.

Aber letztens fiel mir beim Aufräumen der Speisekammer ein Gläschen Frühkarotten in die Finger und grinste mich an. Baby und ich guckten uns daraufhin an und meinten einhellig: igitt.

Aber es wäre doch so schade um die schönen Möhren, fand ich. Also grub ich ein Backrezept aus, änderte es nach Gutdünken und kippte fröhlich die Zutaten zusammen. Och ja, der Teig war recht genießbar.

Meine Schwiegermutter hatte sich zum Kaffee angemeldet und fungierten als ahnungsloses Versuchskaninchen. Als die Schwiegermama sogar ein zweites Stück Kuchen verlangte, befand ich das Experiment als gelungen.

 

Suchste mit?

Wie Eric Malpass eine seiner Romanfiguren einmal in etwa sagen ließ: „Jedes Jahr wird die Uhr im Frühling um eine Stunde vorgestellt und ich fühle mich den ganzen Sommer so, als ob mir nicht nur an einem Morgen, sondern jeden Tag eine Stunde Schlaf gestohlen würde!".

So geht es mir, ich suche eine Stunde.

 

Iiiih, Pickel

Potzpestilenz, heute Morgen weckte das Kleingemüse mich mit den freudigen Worten: „Guck mal, ich habe überall Pickel!"

Ich öffnete ein Auge, begutachtete die Dinger und fand, sie waren es wert, mit beiden Augen bewundert zu werden.

Uj. Kann mich gar nicht dran erinnern, dass Windpocken so zahlreich erscheinen.

 

Isste mit?

Demnächst können wir Ratedosenmittag spielen. Unser Kleingemüse war in der Speisekammer und fand es einfach genial, die Etiketten von sämtlichen Vorratsdosen abzupulen. Die Katzenfutterdosen erkennt man zum Glück ja, aber Ravioli, Hühnersuppe, Bohnensuppe, Pfirsiche, Ananas und dergleichen...?

Na, so ist immerhin in der nächsten Zeit beim Zubereiten der Mahlzeiten für ein bisschen Spannung gesorgt.

 

 

Schon wieder Weihnachten

23.12.

Endspurt! Auch wir besitzen nun einen Weihnachtsbaum, im Dunkeln in letzter Minute gekauft, wie jedes Jahr. Da kommt eine Menge Deko dran, dann sieht er superschön aus, und nach der dritten Schachtel Kirschpralinen sowieso, und nach drei Gläsern Grog. Außerdem fressen ihn die Ponys am Ende, denen ist es egal, wie der Besen aussieht.

 

24.12.

Ich wollte gerade von meiner ersten Einkaufsstation wegfahren, hielt den Autoschlüssel schon in der Hand, als plötzlich ein Wagen rückwärts aus der Einfahrt direkt vor meiner Nase sauste. Na, dachte ich noch, der sieht mein Auto ja, es ist gelb, das kann man gar nicht übersehen. Rumms! O.k., wir stiegen aus und stellten fest, dass wir zwei robuste Gurkenautos besitzen. „Grrr, da haben wir ja noch mal Glück gehabt", knurrte ich, denn ich hatte es echt eilig, und "Frohe Weihnachten", murmelte der Mann, bevor er davonhuschte.

Dann war ich im Supermarkt, beugte mich  tief in ein Wurstregal, fand das Gewünschte und warf es mit elegantem Schwung in meinen Einkaufswagen.

„Ääääh", sagte ein junger Mann neben mir. „Das ist aber mein Wagen!"

Grrr, was für eine blöde Anmache, dachte ich. Obwohl, bei genauer Betrachtung des Einkaufswagens hatte er Recht. Upps.

„Entschuldigung", sagte ich höflich, pflückte die Wurstpackung aus seinem Wagen und hielt Ausschau nach dem meinen. Da konnte ich aber lange gucken. Ist mir ja noch nie passiert, sowas. Das Biest blieb verschwunden, und mit ihm meine mühselig im Weihnachtschaos zusammengesuchten Sachen.

Die Ente! Die Rouladen! Panik!

Ich fand ihn dann beim Waschpulver. Wie er dorthin gelangt war, verstand ich auch nicht.

Zu Hause wurde ich vorwurfsvoll angeguckt. Wieso das so lange gedauert hätte. Ja, Schatz, nächstes Jahr gehst dann du los und machst die Einkäufe, nä! Oder besser noch, stell dich schon mal auf Silvester ein...

 

Toaster Nummer vier

Tja, und dann war da noch unser Toaster, den ein Kindlein mal wieder schnell erledigte.

Man kann nämlich nicht zwei Scheiben Toast in eine Seite des Gerätes quetschen. Das haben wir nun auch gelernt und hoffen, dass dem Toaster Nummer vier ein etwas längeres Leben hier beschieden sein wird. Bleistifte und Knäckebrot sind auch keine guten Toastkandidaten.

Soll man nicht ausprobieren.

 

Schreiben Sie nie Tagebuch, es könnte später jemand darin lesen...Teil 1

Eines Tages wollten wir mein Elternhaus verkaufen. Wir, also, Mama und meine Geschwister und ich, räumten es aus und in der Nacht vor der Schlüsselübergabe an die neuen Besitzer wälzte ich mich schlaflos im Bett. Da war doch was, was war das nur?

Wie elektrisiert sprang ich senkrecht in die Höhe. Aaaah! Meine Tagebücher! In der Abseite in meinem alten Kinderzimmer!

Am nächsten Morgen gingen wir also mit den Käufern durch das leere Haus und im Kinderzimmer angekommen murmelte ich etwas in mich hinein, öffnete die Abseitentür und quetschte mich in die winzige Kammer.

Wer ein altes Haus besitzt, weiß, wie staubig, eng und schmutzig es da drinnen ist.

 

Unser Käufer guckte überrascht hinterher, gab es da einen Schatz?

„Jahaaaa“, schnaufte ich, die Bücher fest in den Händen haltend, als ich wieder herausgekrochen kam. Der junge Mann wollte sie ganz dringend mal anschauen, aber das ging natürlich gar nicht.

Tagebücher von Teenies zwischen 13 und 16 Jahren sind, naja, um es milde auszudrücken, nicht unbedingt für die Allgemeinheit lesbar.

Zu Hause nahm ich mir abends meine Jugendwerke vor. Haarsträubend, uijuijuij.

Ich habe sie einstweilen im Regal versteckt, aber sicherheitshalber sollte ich sie verbrennen, damit nicht meine Kinderlein später giggelnd darin lesen.

 

 

Schreiben Sie nie Tagebuch, es könnte später jemand darin lesen...Teil 2

Heute Morgen tuckerte ich über die Landstraße und dachte, na, was ist das mit dem Lenken anstrengend heute. Dann, ein paar Meterchen weiter, fand ich es ausgesprochen schwierig, überhaupt noch irgendwie zu lenken und fuhr an den Straßenrand. Juchhei, der Reifen war platt!

Nun stand mein Auto im nächsten Kuhdorf, und weil da eh meine Mutti wohnte, nistete ich mich dort ein, kochte Kaffee, machte den Ofen an und scheuchte die Mama aus dem Bett.

Dann entriss ich ihr entsetzt die Tagebücher meines Vaters, die sie in den Müll werfen wollte.

Nun, da er schon anderthalb Jahre tot war, mochte ich darin lesen.

Ich muss dazu anmerken, dass er sie nie als geheim betrachtete, und diverse meiner älteren Geschwister haben in ihrer Kinderkrakelschrift eifrig Kommentare hinterlassen.

 

Immerhin sind die Bücher aus den Jahren 1955-1975.

Am schönsten fand ich Stellen wie „Brigitte ist erst um ein Uhr morgens nach Hause gekommen und wurde gemaßregelt" oder „Gitte war frech und bekam eins an die Backen!"

Wer meine Schwester kennt, der weiß, wie wenig solche Erziehungsversuche gefruchtet haben...und etwas ganz Wichtiges ist mir aufgefallen:

Ich kann ja gar nichts dafür, dass ich so einen Tiertick habe! Mein Vater hat mit großer Leidenschaft Brieftauben gezüchtet und ständig irgendwelche Kommentare über Flüge und Anzahl der Tauben, Jungtiere usw. notiert. Na gut, wer nicht flott genug flog, landete im Kochtopf, ist bei den Meerscheinchen definitiv anders, aber ansonsten...Skizzen von der Stallaufteilung, wie ich sie ebenfalls überall hinkritzele...offenbar ein hartnäckig genetisch verankerter, vererbter Tiertick!

 

 

Pseudo-WAS?

Die Geschichte von den Pseudonomaden: Eines Tages fielen bei meiner Freundin zwei ihrer vier Meerschweine tot um. Besorgt ließ sie eines der toten Tiere vom Veterinäramt auseinandernehmen und kam dann mit der Diagnose „Pseudonomaden" zu mir.

Ich grübelte.

Aus irgendeinem merkwürdigen Grunde sah ich lauter wandernde Menschen vor meinem geistigen Auge.

Dann sah ich Mietnomaden, die Wohnungen kurz und klein verwohnten.

Nee, dachte ich, auch nicht richtig.

Mehr fiel mir nicht ein. Nach wochenlangem Nachdenken erzählte ich Gunnar, unserem Lieblingsbiologen, von den Dingern. Er grinste gemein, stellte das Wort um und hielt mir einen Vortrag über -Pseudomonaden.

Ach. Die waren es.

 

Toaster, meine Leidenschaft

Toaster haben in unserem Haushalt meistens kein langes Leben. Einen killte unser Großer, als er experimentelles Toasten von ZIEMLICH VIEL TOAST und Knäckebrot durchführte, wobei wir feststellen konnten, dass Knäckebrot schnell lichterloh brennt.

 

Den Ersatz-Toaster gaben wir ganz schnell im Geschäft zurück, weil er hemmungslos alles brutzelte, egal, auf welcher Stufe man ihn einstellte. Drückte man der Stopptaste,  sprühte er nur Funken. Also, da konnten wir gar nichts für.

Toaster Nummer drei wurde dann leider vom Kleingemüse zum Grillen einiger Bleistifte benutzt.

Na, fragt man sich da, wieso ziehen diese nachlässigen Leute denn nicht einfach den Stecker? Haben wir gemacht, aber immer dann, wenn man ein klitzekleines bisschen geschlampt hat, hat der Nachwuchs das sofort mitbekommen und seine Chance genutzt.

Wir sind ja schon total angepestet von den laut piepsenden Rauchmeldern, die an der Zimmerdecke kleben und schwer erreichbar sind, wenn es denn gerade dringend ist und einem die Ohren von dem Lärm fast abfallen! Und überhaupt, was ist denn bloß so faszinierend an diesen Geräten, dass man da alles hineinstopfen will, hm?

 

Es klingelt

Heute rief jemand in der schrecklichsten Phase an, sprich, kurz vor dem Zubettgehkampf mit den kleinen Monstern, die dementsprechend im Hintergrund lärmten.

„Wer ist dran?", brüllte ich in den Hörer. Etwas unhöflich vielleicht, ups.

„Der Schmied!", rief es verzweifelt zurück.

„Nicht auflegen!", brüllte ich, „Bleib bloß dran!" und rannte in irgendeinen ruhigeren Winkel des Hauses. Herrjeh!

Ich telefonierte nun schon seit Tagen, ach was, seit Wochen hinter ihm her, unserem Lieblingshufschmied. Mal sprach ich mit seinem Anrufbeantworter, mal er mit Herrn B., was, wie Kenner des Haushalts wissen, völlig sinnlos ist, da Herr B. nicht in der Lage ist, sich Anrufe oder die Namen der armen Gestalten zu merken, die leichtsinnigerweise darum bitten, er möge mich informieren.

Wir rufen zurück! Vielleicht! Wenn uns die Nummer wieder einfällt. Oder der Zettel wiedergefunden wird, auf dem die Nummer steht. Oder wenn irgendwer einen Geistesblitz hat und sich an den Anruf erinnert. Wenn wir das Telefon wiederfinden, rufen wir bestimmt an. Falls die Akkus noch mitspielen.

Jedenfalls haben wir es wirklich geschafft, einen Termin für die Ponypediküre zu finden!

Ich nehme alle Schuld auf mich, dass es so lange gedauert hat!

 

Die zerquetschten Elfen

Ich stellte mich heute Morgen im Buchladen vor die Kasse und sagte, nach meinen Wünschen befragt: „Ich suche das Buch mit den zerquetschten Elfen, haben Sie das?"

 

Die Verkäuferin sah mich an, ich ahnte, sie schwankte zwischen „Weihnachtskoller" und „Hab mich verhört"

Sie entschied sich sicherheitshalber für letzteres und fragte höflich: „Wie bitte?"

Ich leierte mein Sprüchlein noch mal runter, die Kundin neben mir grinste belustigt und die Verkäuferin bekam ein „Ich hab es gewusst, doch Weihnachtskoller!"-Gesicht.

Da mischte sich ihre Kollegin ein und meinte, ja sicher, hm, wie hieß denn das Buch bloß, jaja, sagte ich, wenn ich das nur wüsste. Die zerquetschten Elfen eben.

Ich wurde erleichtert an diese Kollegin weiter gereicht, die nun im Computer suchte, dann eine Kollegin anrief („…ja, die zerquetschten..."), und dann eine zufällig vorbei huschende weitere Kollegin interviewte, die sofort wusste, was wir suchten, ja, aber wie hieß das Buch...Lady Irgendwas...darunter fanden sie es dann tatsächlich im PC.

 

Aber ich freute mich zu früh: vergriffen! Mist!

In Wirklichkeit heißt das Werk  „Mein geheimes Elfentagebuch von Lady Cottington" von Terry Jones (der von Monty Python, und dementsprechend ist der Humor für alle Elfenfreunde, die den Anblick von zerquetschten Elfen nicht ertragen, nicht geeignet!). Ja, so kann man seine Zeit auch totschlagen, äh, zerquetschen...

 

Ich bin ja für Lilablau

Oh graus oh nein, hätte ich das bloß nicht in den Herbstferien angefangen...:

Ich hatte die tolle Idee, ein paar Zimmer zu streichen und hatte ein allgemeines Zimmerwechseln verordnet, weil Kleingemüse viel Platz für Spielzeug und Krempel braucht und alte Leute kaum noch Krempel ansammeln.

Also wollte ich heldenhaft ins kleine Zimmer auswandern. Öh.

Beim Ausräumen fiel dem Kleingemüse viel Krempel in die Finger, den wir lange nicht gesehen hatten, und verflixt, ich hätte die Sachen liebend gern entsorgt. Ging ja nun nicht mehr. War alles wichtig und wurde zum restlichen Krempel dazu gehäuft.

Beim Streichen hatte ich super eifrige Helferlein, die barfuß durch den Saal hopsten und den Pinsel schwangen.

Leider hopsten sie dann auch durch den Rest des Hauses, der nun mit lilablauen Fußspuren verziert ist. Ah, die Wände werden blaulila!

Joah, aber erst, wenn ich die Teppiche wieder sauber geschrubbt habe. Wir hatten einen unglaublichen Farbverbrauch, der die Verkäufer in meinem Lieblingsbaumarkt erstaunte: „Was, noch ein Topf Lilablau??!“

Ja, sollte ich antworten: „Das klebt alles im Teppich statt an der Wand!"?

 

Na, heute schickte ich alle aus dem Haus, denn es wurde knifflig, weil ich einen alten Schrank anmalen wollte, und diese Farbe (Blaulila, natürlich) hätte ich nicht so leicht wieder aus den Haaren, Teppichen, Gesichtern entfernen können.

Den nächsten Raum streiche ich dann doch lieber erst nach den Ferien.

 

Bonschirosa

Übrigens: Wem mal so richtig langweilig ist, der sollte dringend mit einer Bande Kinder Schuhe einkaufen gehen!

Ein Zwerg ist grundsätzlich im falschen Regal, einer will da eigentlich nur fernsehen und die dritte möchte bonschirosa Prinzessinnenschuhe, nee, nicht die blauen, robusten Teile. Oder die, die so schön blinken, und die mit Glitzer, und die mit hässlichen kleinen Zeichentrickfiguren aus dem Kinderkanal, die extrateuer sind, aber leider nur 2 Monate halten werden.

Damals, als ich zweimal im Jahr mit meiner Mama in die Stadt fuhr, um Schuhe zu kaufen, wurde ich kurzerhand auf einen Schemel gesetzt, Mama suchte drei Paar Schuhe aus, ich probierte die brav an, eins passte, und fertig waren wir!

Danach noch schön ein Stück Kuchen essen in der Cafeteria, Geld in einen Spielautomaten werfen, uij, waren wir mondän! Und dann, verflixt, wie denn nur, den Spielautomaten stoppen, weil wir tatsächlich auf der Gewinnerseite waren, Gewinn einstreichen und davon noch ein Stück Kuchen kaufen.

Ja, so war das damals. Nix blinkte, glitzerte oder leuchtete bonschirosa.

Schade eigentlich...

 

Déjà vu

Die Zwerge hören momentan am liebsten meine Lieblingsteenieband, speziell deren Album, das von Sieben und dem zerzausten Tiger handelt. Ein interessanter Kommentar meines Großen: „Das klingt, als ob jemand einer Miezekatze auf den Schwanz getreten hätte!"

Ich fragte daraufhin, wieso er denn diese Art Musik so dringend stundenlang rauf und runter hören muss, aber dazu fiel ihm keine passende Antwort ein. Wie mir vor 20 Jahren, als meine Mutter ähnliche Fragen zu der gleichen Musik stellte...

 

Seltsam. Von allen LPs, die hier so herumgammeln, suchte sich mein Kleingemüse dann noch  Pink Floyd mit  „The Wall" aus und hört das total gern. Fatalerweise tönt es nun laut durchs Haus: „We don`t need no education". Ganz klarer Fall von Schulallergie.

 

Wir sind´s, die Pfadfinder

Am Wochenende waren wir im Wald, ein wenig Natur inhalieren.

Unsere Familie zeichnet sich durch spontanes und flottes Picknicksachenpacken und Losfahren aus. Wenn es dafür einen Wettbewerb gibt, wir machen sofort mit, wir haben gute Gewinnchancen, denke ich.

So war es auch dieses Mal: Irgendwer kochte eine Kanne Kaffee, ich grabbelte eine Tüte Kekse aus dem Schrank und wupp, weg und davon!

Meine Schwester, die ja bei den Falken war (so eine Pfadfindergruppe) fuhr mit ihrem blauen Auto vor uns her, und mich gruselte es schon ein wenig: Würden wir im Timmasper Wald ankommen oder eher doch an der Ostsee? Oder würden wir in irgendeinem Kaff kurz vor dem Ziel hängen bleiben, weil das gelbe Auto mal wieder den Dienst quittiert? Hatten wir eigentlich genug Sprit im Tank?

Alles klappte prima und wir erreichten unser Ziel, eine Bank am Waldrand, ohne Probleme.

Da Pfingsten war, krochen tatsächlich ein paar Radfahrer aus ihren Nestern und fuhren mit scheelen Blicken an uns vorbei, die wir es uns so richtig gemütlich gemacht hatten mit Kaffeebechern, Kissen und Fresskorb.

Ansonsten kommt dort nie eine Menschenseele vorbei, aber an dem Tag...

In den Wald hinein wollten wir lieber nicht, da wir den schon kennen: Wir verirren uns da jedes Mal. Stunden später landen wir dann meist völlig entnervt am anderen Ende und jammern, weil das Auto leider ganz wo anders steckt.

Nönö, diesmal war uns nicht danach.

Ich bin sowieso mehr für überschaubare, lichte Wälder, durch die man quasi bis zum anderen Waldende durchgucken kann. Da weiß man wenigstens, wohin des Wegs.

 

Auf der Rückfahrt kam meine Schwester übrigens prompt vom Weg ab und landete in irgendeinem ihr bislang völlig unbekannten Nest, wo es aber auch sehr schön war, wie sie versicherte.

 

Ach, schenk was Schönes...

Ich bekomme keine Kerzen, ich kriege Handcremes. Ich habe gar keine rauen Hände. Ich beschwere mich auch nicht über Altersflecken oder Ähnliches.

Trotzdem trudeln Handcremes mit Orangenduft, Lemongrasduft und Ringelblume hier ein.

Eh, dann lieber Kirschlikörpralinen. Die machen von innen schön. Hicks. Nach der zweiten Packung ist alles schön. (Vorsicht: Nach der dritten ist alles schlecht! Mir ist dann schlecht!)

Keine Cremes mehr! Bitte!

 

Mörderkäse!

Boah, kaum öffne ich den Kühlschrank, kippe ich hintenüber. Was stinkt denn da so?? Nichts gefunden.

Tür wieder zu. Tür auf, aaah, Entsetzen!

Tür schnell zu. Hm.

Der Herr des Hauses wandelt durch die Küche, in der Hoffnung, ein Leckerchen irgendwo zu finden.

Ich sitze harmlos auf meinem Küchenstuhl und lese angeblich in der Zeitung. Schiele unauffällig zu ihm herüber.

Herr B. öffnet die Kühlschranktür.  Flucht, meckert, rümpft die Nase, schlägt die Tür zu. Hm.

Liegt also nicht an meiner Nase, da muss etwas sein. Okay, ich bin tapfer.

Öffne die Tür. Halte die Luft an. Schnuppere ganz vorsichtig. Wo ist es nur, wo kommt der Duft bloß her. Schnuppschnupp...da!

Ein unscheinbares Päckchen im unteren Fach. Ich halte die Nase dran und nehme einen kurzen Zug. Urks. Päckchen langsam aus dem Kühlschrank gehoben und noch langsamer geöffnet.

Eine unglaubliche Duftwolke wabert schlagartig um mich herum. Soso, der Käse ist`s. Tja. Was soll man da machen, er schmeckt nicht mal annähernd so schrecklich wie er riecht.

Ich verpacke ihn liebevoll in Alufolie. Trotzdem, tagelang gucken die Leute ratlos-gequält, wenn sie meine Käseküche betreten.

 

Unter dem Bett

Beeindruckend, was man unter Kinderbetten so alles finden kann.

Manchmal halte ich nur den Staubsauger drauf, weil ich nicht weiß, lebt es noch oder wieder, kommt es hervor und fällt mich an, oder kann man es einfach so entsorgen?

 

Hin und wieder gellt Kampfgeschrei durch das Haus, wenn das „Etwas" vom zum Bett gehörigen Kind gesucht und nicht mehr gefunden wird.

Weggesaugt, strahle ich dann und verweise auf die Mülltonne.

Oha, da habe ich ja wieder Stress, aber hin und wieder muss man doch mal putzen? Nee? Okay, wenn ich so genötigt werde...

 

Michael Jackson

Fulminant. Grandios. Einmalig. Zweifelhaft. Umstritten. Bewundert. Beneidet. Legendär.

Alles das und noch viel mehr war Michael Jackson.

Ich wuchs mit seiner Musik auf. Meine erste Kassette, die ich meinem geschäftstüchtigen Bruder abkaufte, war „Thriller". Ich hörte sie oft und gern. Ich schlich mich, wie viele Klassenkameraden auch, am Abend zum Fernseher, um mir das verbotene Video anzuschauen (heute werden ja ganz andere Sachen gezeigt, aber damals war es...skandalös), verfolgte die schillernde Lebensgeschichte dieses Stars interessiert.

Moonwalk.

Eine Bekannte wollte Anfang der 90er ein Referat für die Schule über Michael schreiben, so kam ich in den Genuss diverser Biografien. Auch die negativen Schlagzeilen las ich.

Wie soll man jemanden beurteilen, den man nicht kennt, den vermutlich niemand kennt, dachte ich.

Sein Lebensfaden war herausragend aus dem Strang, in den wir alle verflochten sind, so bunt, so leuchtend, so anders als wir Sisal- und Paketbandnormalbürger.

Nun ist der Faden durchtrennt, eine Lebenslinie erloschen.

Die Musik bleibt.

Danke dafür.

Heal the world.

 

Freizeitparkvergnügen

Gestern besuchten wir den großen Freizeitpark am Meer. Wir waren schon so lange nicht mehr dort gewesen, nun wurde das aber mal Zeit!

Ich musste leider feststellen, dass die Zeiten, in denen ich endlose Runden mit der Loopingbahn drehen konnte, ohne meine morschen Knochen zu spüren oder ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend zu bekommen, endgültig vorbei sind.

Der Nachwuchs dagegen war putzmunter und forderte waghalsige Aktionen. Zum Glück wollte der Vater sich aufopferungsvoll ins Rennen werfen und die richtig fiesen Sachen mitmachen.

Mittags war mir ausnehmend schlecht vom Imkreisfahren, aber ein paar Pommes passten noch, also konnte es ja gar nicht so furchtbar sein, befand der Familienrat, und weiter ging`s.

Mir gefielen ein paar Sachen außerhalb des großes Gewusels richtig gut: die fetten Karpfen im Teich, die sich in ihrer Futtergier sogar streicheln ließen (klar grabbelte ich ein Brötchen aus der Tasche); die Schwalben, deren Nest, direkt am Shop, man mit Holz ein wenig geschützt hatte (Schwalbendreck, freu), die Spatzen, die neben uns ein Bad nahmen, als wir bei den Wasserspielen Mittag futterten; der wackere Karussellwärter bei der Drachenbootfahrt, der nicht nur morgens, sondern auch noch kurz vor Feierabend fröhlich mit den Kindern scherzte; das allgemein sehr höfliche, freundliche Personal. 

Abends schwankten wir Großen erschöpft, die Kleinen immer noch fidel zum Parkplatz und machten lustige Scherze über verbummelte Parktickets und die Möglichkeit, auf dem Parkplatz zu übernachten (diese Idee brachte ein Kleingemüse prompt zum Heulen und wurde schnell verworfen). Tja. Und da standen wir dann und guckten das Auto an. Und das Auto machte keinen Piep. Oh.

Wieder was gelernt: Keine Kühlbox im Auto angeschlossen lassen.

Für Autobatterien ist das nicht sehr gut.

 

Taschenwaschen

Wir sind`s, die Geldwäscher! Heute machte die Waschmaschine mal wieder Faxen, das mit dem Schleudern überlegte sie sich gründlich und ließ es dann bleiben.

 

Aha, dachte ich, dann man ran. Und krabbelte entnervt über den Fußboden, um das Flusensieb aufzukriegen.

Klöter, klingeling, ich bin reich, sechs Eincentstücke klimperten mir entgegen.

Letztens gab es immerhin einen Euro. Der war in einem Stück und blockierte die Maschine genau wie nun die sechs kleinen Talerchen. Zwei-Eurostücke haben übrigens den gleichen Effekt.

Man könnte natürlich auch Knöpfe, Steine, Heftpflaster und Aufkleber finden. Hm. Ach so, Taschen vor dem Waschen kontrollieren hilft?

Hier nicht immer, manchmal werfen gewisse Gestalten ihre Wäschestücke sorglos in die Maschine, ohne dass sie durch meine Endkontrolle gegangen wären.

Und das sind selbstverständlich die Teile mit den bestgefülltesten Taschen. Seltsamerweise habe ich noch keine einzige Socke im Flusensieb gefunden.

Wo bleiben die eigentlich??

 

Die Badeseetester

In unserer Zeitung war ein Bericht über fiese Neunaugen, die in Badeseen den armen Schwimmern auflauern und ihnen mit ihren Zähnen/Lippen/keine Ahnung die Beine blutig raspeln oder gar beißen.

Etwas später hieß es, keine Panik, giftig seien die Monster aber nicht.

 Vielleicht haben meine Zwerge ja ein Neunaugenmonster erspäht an einem „unserer" Badeplätze. Einfangen! Grillen! Die galten früher als Delikatesse! Ein englischer König hat sich im Mittelalter ja man schließlich an den fettigen Leckerchen totgefressen, welcher Heinrich war das doch gleich?

Also, den Kescher rausholen und einfangen...(igitt, alles, was nicht zu Fischstäbchen verarbeitet wurde, kommt hier nicht auf den Tisch!)

Schade, nichts gefangen…

 

Hausfrauenidyll

Nachdem um mich herum das Marmeladeneinkochfieber ausbrach und ich einige wunderbare Kreationen zu futtern bekam, machte ich mich selbst auf die Jagd nach Brombeeren und Pflaumen. Ich hätte auch zu gern noch Steffis Rat zum Thema Apfelgelee eingeholt, experimentierte dann aber furchtlos mit Apfelbergen und Riesenkochpötten und fand das Ergebnis  recht genießbar.

Gestern saß dann Sanni in gewohnt schlapper Hausfrauenmanier am Küchentisch zum Tratschen, Cappuschlürfen und Philosophieren und guckte zu, wie ich die nächste Ladung Apfelgelee bearbeitete. Hin und wieder mussten wir eines der vielen Kinder, die kreischend durchs Haus rasten, maßregeln (wie viele waren es eigentlich, ich hatte den Eindruck, es kamen immer mehr ins Haus gerannt) und den Herrn des Hauses aus dem Weg scheuchen, aber sonst ging es uns ganz gut und die Äpfel ließen sich dazu herab, zu schön glibberigem Gelee zu mutieren.

Natürlich musste Sanni auch noch die bereits fertigen Marmeladen durchprobieren und saß schwer arbeitend mit dem Löffel vor den Gläsern.

Anstrengender Job, Produkttester.

Auf Platz eins landete das Brombeergelee, die Pflaumen sind auf Platz zwei, die Äpfel überzeugten nicht ganz so sehr. Aber da kann man ja noch dran arbeiten.

 

Sie haben die Wahl!

Letztens fuhr ich so durch unsere Stadt und las im Vorbeisausen flüchtig ein Wahlplakat: „Wir tun, was wir können"

Na, grummelte ich, das will ich aber auch hoffen. Am nächsten Baum stand ein baugleiches Plakat, merkwürdigerweise stand da nun: „Wir können, was wir tun"

Da ein Wahlplakat bekanntlich nie allein daherkommt, guckte ich nun die nächsten Plakate genauer an (was, ich sollte auch noch auf den Straßenverkehr achten?!), und in Wirklichkeit stand nirgends der erste Text, sondern immer wieder der von sicherlich genialen Sloganschreibern ausgetüftelte „Wir können...blabla" Kram.

Das gab mir zu denken.

Freudsche Fehlleistung, oder was. Also, wählen gehe ich auf jeden Fall, aber ich bin immer noch nicht schlauer geworden, was denn bloß...

 

Vererbungslehre

Nebenbei stellte ich mal wieder fest: Schlechte Eigenschaften vererben sich gern weiter. Nicht nur bei den Meerschweinchen.

Dazu muss ich mal wieder auf eine olle Kamelle zurückgreifen: Damals, als ich noch klein und unbedarft durch die Gegend stromerte und, damit ich nicht zu übermütig wurde, mit einem älteren Bruder geplagt war, stellte dieser eines Tages mordundtotschlagzeternd fest, dass ich Müll gern in der Küchenschublade ablud.

 

Ach so, bei euch gibt es das gar nicht, eine mysteriöse, erstaunlich viel Krams enthaltende Küchenschublade? Ich dachte, die gibt es in jedem Haushalt.

In unserer jedenfalls befanden sich unter anderem die Schere, der Dosenöffner, Nägel, Heftzwecken, Schraubenzieher, Kugelschreiber, Bleistifte, Zollstöcke, na, eben alles, was man vielleicht irgendwann mal brauchen könnte.

Okay, ich war ein etwas  faules Kind und jedes Mal, wenn ich eine Milchpackung geöffnet hatte, warf ich die Schere und den abgeschnittenen Milchtütenzipfel in die Schublade.

Bis zu jenem denkwürdigen Tag, als mein Bruder zornschnaubend die Schublade herausriss und auf den Tisch kippte. Oha, da war ja echt viel Krempel drin. Und bemerkenswert viele Milchtütenzipfel gab es auch.

Ich sag`s mal so, wenn ich eine Sammlung damit hätte aufmachen wollen, wäre das eine gute Startpackung gewesen.

„Müllhalde!" war noch der friedlichste Ausdruck, den mein Bruder von sich gab, und irgendwie und irgendwann war ich dann auch von der schlampigen Untugend befreit.

 

Gestern nun guckte ich in unsere Küchenschublade. Also, anderer Haushalt, dreißig Jahre dazwischen, gleiches Übel. Ohoooooo, murmelte ich und fing an, Schokoladenpapier aus der Schublade zu sammeln. Ein beachtlicher Berg entstand. Ich räumte ihn stillschweigend in den Müll und legte eine Tafel Schokolade unauffällig auf den Küchentisch. Setzte mich ebenso unauffällig auf einen Stuhl und las in einem Buch.

Ich musste nicht lange warten, da kam ein Kind daher und schnappte sich begeistert die Schokolade, öffnete sie mit Hilfe der Küchenschere und warf dann Schere und den Papierzipfel in meine Küchenschublade.

Aha. Sehr interessant.

 

Die innere Schönheit

Mein Nachwuchs entwickelt sich zum Philosophen: Wir guckten Kinder-TV. In der Werbepause warb ein unheimlich schickes Model für Shampoo.

„Jaja", grollte mein Kleingemüse, „Die ist total schön und so, aber das ist außen. Ob die auch innen so schön ist und ein toller Mensch?!"

Ich war etwas sprachlos.

Eben noch im Kinderkanalwunderland, saß ich jetzt auf meinem Sofa und fand, dass der Kurze da schon richtig gut durchblickt.

Außen ist eben nicht immer gleich innen.

Ich fühle mich innen drinnen übrigens meistens wie 19, höchstens 21, und auf der letzten Party machte ich diesbezüglich eine kleine Umfrage unter den Gästen. Die fühlten sich auch meistenteils wie Anfang 20, und sicher waren wir uns alle in einem Punkt: 16 wollten wir alle nie wieder sein.

Und die Zipperlein, die sich mit Mitte dreißig so langsam eingeschlichen haben, wollen wir auch alle gar nicht haben.

Weder die innen noch die außen.

 

Wir fahren ans Meer

Beim Frühstück. Ich beschwerte mich: „Da wohnen wir nun schon mitten in Schleswig-Holstein, meerumschlungen, blabla, und kommen trotzdem so gut wie nie ans Meer! Voll total doof!"

Herr B. machte „Hmmmmpf" hinter seinem Käsebrot.

Als er irgendwann sprechen konnte: „Das können wir ja mal machen. Ja, lass uns mal an die Nordsee und so, Krabben, Fischbrötchen, Fischfrikadellen..."

Typisch, der Herr dachte mal wieder nur ans Essen.

„Immer, wenn ich an die Nordsee fahre, ist das Wasser weg", wandte ich ein.

„Wenn ICH an die Nordsee fahre, ist das Wasser da!", entgegnete Herr B.

„Wo genau willst du mich denn vorher aussetzen?", meinte ich freundlich.

Und: „Ich könnte ja bei St. Peter Ording nach Wasser suchen, während du die Fischbrötchenbestände in Büsum aufkaufst"

Herr B. fand diesen Vorschlag hervorragend. War ja klar. Frau am Meer aussetzen. Tolle Idee.

 

Das Stör-Gen

Alle (kleinen) Kinder haben es in sich, das Stör-Gen.

Fragt man mal eine Muddi zu diesem Gen, fällt ihr sofort einiges an Beispielen ein: Man kann nie in Ruhe telefonieren, weil, sobald Muddi den Hörer ans Ohr hält, ein Kind am Rockzipfel hängt und dringend etwas zu essen braucht.

Kaffeeklatsch mit lecker Tratsch unter zwei Muddis? Unmöglich, mindestens zwei, besser noch drei Kinderchen kommen im 5-Minuten-Takt ins Zimmer gelärmt, weil ihre Spielzeugautos genau auf der Couch wenden müssen oder die Raumschiffe mit Luke Skywalker leider, leider auf dem Planeten Sofakissen landen müssen.

Mama will abends mal ein Wellness-Bad nehmen, mit so richtig viel Schaum und super heiß? Mit Buch und womöglich ein paar leuchtenden Kerzlein?

Na, da wollen doch mindestens zwei, drei planschbeckensüchtige Kinderlein mit in die Wanne!

Vätern ergeht es in Wirklichkeit störungsmäßig nicht besser, aber zum Glück kann man ja wichtige Filme auf DVD aufnehmen. Wird man beim Gartenumgraben oder Heckeschneiden gestört, ist das nicht weiter tragisch, das kann man ja später (in diesem Haushalt in der Regel nach drei Jahren) nachholen.

Irgendwie ungerecht.

Ältere Kinder, habe ich mir sagen lassen, haben das Stör-Gen dann nicht mehr aktiviert. Da ist es dann eher umgekehrt:

Wehe, nervige Eltern stören mit unqualifizierten Fragen (Schlagworte hier: Hausaufgaben, Zimmeraufräumen, Fahrradputzen)

Joah, ich weiß nicht, was nun besser ist.

 

Laubrascheln

Heute ging ich an der Schule vorbei, die bei uns in der Nachbarschaft so herumsteht. Um sie herum gibt es etliche alte Bäume, die inzwischen eifrig ihr Laub abwerfen. Irgendjemand hatte riesige Laubhaufen ordentlich auf dem Rasen vor den Gebäuden zusammengeharkt. Oho.

Meine Beine schlugen den Weg ganz von allein ein, sie mussten durch dieses Laub, es raschelte so schön. Ahorn! Kastanie! Guck an, auch Eichenlaub. Raschelraschel. Am liebsten hätte ich mich auch noch hineingeworfen.

Aber wenn nun doch der Direktor meines Kleingemüses mal aus dem Fenster....na, das denn doch lieber nicht.

Dann ja mal lieber auf in den Wald!

 

Gelungene Kommunikation

Letztens hatte ich ein ausführliches Gespräch mit dem Kleingemüse, während wir abends durch die Stadt bummelten: Ich, besorgt: „Sag mal, frierst du ein bisschen oder ist dir warm?"

Kleingemüse, guckt in Schaufenster: „Hmmmmmhmmmmmm."

Ich, geduldig, besorgt: „Was heißt das denn nu. Frierst du oder ist dir warm, Schneckchen?"

Kleingemüse, betrachtet das allgemeine Stadtbild: „Ja."

Ich, ratlos, weiterhin besorgt: „Also, noch mal, ist dir kalt oder warm?"

Kleingemüse: „Mir ist ein bisschen kalt und ein bisschen warm."

 

Ich gab es dann auf. Fror wohl nicht, hätte sich dann sicherlich beschwert, fand ich.

 

Herr B., dem ich zu Hause von unserer gelungenen Kommunikation erzählte, meinte: „Und wenn du nun noch mal nachgehakt hättest, hättest du erfahren, dass sie vermutlich kalte Füße und warme Hände hatte!“

Vielleicht hätte es aber auch schon geholfen, wenn ich die Fragen anders gestellt hätte…

 

Was, schon wieder Weihnachten?

Hier wird es mal wieder rekordverdächtig weihnachtlich: Neben mir knuspern die Weihnachtsschweine ihren Eisbergsalat und im Hintergrund säuselt Chris Rea „Driving home for christmas".

Ein kleines Kotzkind guckt im TV einen Weihnachtsfilm.

Und wir sind, was die Deko angeht, dieses Mal richtig flott, da wir auf dem Schulbasar ordentlich gekaufrauscht haben und nun das ganze Sterne- und Wichtelgedöns auch gleich überall anbammelten.

Natürlich holten wir dann auch die Krippe aus dem Keller. Hier wird damit richtig gespielt, da das Teil ein robustes Werk aus einem Baumarkt ist mit stabilen Plastikfiguren. Was uns im Laufe der Jahre an Viehzeug abhanden gekommen ist, wird durch Spielzeugtiere ersetzt, wobei auffällig viele scheckige Shetlandponys und schwarzbunte Milchkühe schleswig-holsteinischer  Herkunft um die Krippe grasen, aber egal. Hauptsache, es gefällt.

Letztens gab es allerdings Entsetzensschreie: Jesus war verschwunden! Verflixt, und er ist doch noch so klein und so!  Hektische Suche, ohne Jesus geht das ja alles gar nicht, man grub das halbe Haus um, bis man ihn wiederfand. Puh.

Nun liegt er in seiner Krippe und wird, damit es ihm nicht langweilig wird, von Flugdinosauriern und einem Elch besucht, und einen Teddybär hat er auch bekommen.

 

 

Das silberne Band

„…und dass du mir ja kein blödes Gesicht ziehst! Ich meine es ernst! Keine Albernheiten!“, mahnte meine Mutter. Sie wirkte angespannt. Ich fühlte mich noch viel zu erschöpft und matt von der Busfahrt, ihre Sorge war unbegründet. Ich würde kein dummes Gesicht aufsetzen im Angesicht der allmächtigen Grenzbeamten. Ich war eben gerade aus dem Reisebus gestiegen. Busfahren lag mir nicht. Ich hatte die letzten sechs Stunden starr auf meinem Sitz gesessen und eine Tüte fest in den Händen gehalten, für alle Fälle. Die Transitstrecke hatte ich kaum beachtet.
Nun waren wir also in Berlin. Unsere Reisegruppe musste durch einen schmalen Gang, Pässe vorzeigen, angespannte Mienen, hässliche grüne Uniformen, unpersönliche Gestalten ohne Gesichter auf der anderen Seite des Schalters. Spiegel.

Der Beamte, unwirsch: „Gehen Sie weiter!“ Aufatmen, als wir endlich im Osten standen.

Ich war zuvor nie in Berlin gewesen, weder im Westteil, noch im Osten, aber ich hatte sogleich das Gefühl, letzterer gehörte in eine völlig andere Welt. Es roch sogar ganz anders hier als im Westen. Dass dies an der Braunkohle und den Trabbiabgasen lag, wusste ich nicht.

Wir trafen meine Tante und meine Cousine, die ich nur von Fotos kannte, auf dem Alexanderplatz. Meine Tante und meine Mutter hatten sich schon einige Male getroffen.
 Sie fanden sich und umarmten sich herzlich. Ich beguckte den Platz, die Gebäude, musterte die Cousine von der Seite. Verlegen lächelte ich das Mädchen an, dem ich seit Jahren Briefe schrieb.

Briefe, von denen ich wusste, dass sie durch eine Zensur mussten. Mir tat der Mensch, der meine langen Schriebe über Kaninchen und meine Ponyleidenschaft lesen musste, fast ein wenig leid, und gleichzeitig war ich wütend darüber, dass es jemand wagte, meine private Post durchzuschnüffeln. Was konnten 14 jährige Schulmädchen einander denn schon Verdächtiges schreiben?

Wir bummelten ein wenig durch Ostberlin, aber eine richtige Unterhaltung fiel uns anfangs schwer. Das Gefühl, gefangen zu sein, drückte mich nieder. Was, wenn wir abends am Grenzposten nicht durchgelassen würden? Ich guckte in die Schaufenster eines Intershops. Meine Cousine war fasziniert, ich auch. Westwaren. So war das hier also. Wir wollten essen gehen. Im Lokal staunte ich über die fast schon unterwürfige Art, in der meine Tante nach einem Tisch fragte.
Der Kellner war ziemlich anmaßend, fand ich, ich hielt aber sicherheitshalber den Mund. Nach einer längeren Wartezeit, vielleicht war ich auch nur so hungrig und ungeduldig, erhielten wir einen Tisch zugeteilt. Die Ost-Cola schmeckte mir nicht. Meine Cousine sächselte vor sich hin. Ich verstand das meiste, denn ich war von zu Hause daran gewöhnt, da mein Vater als gebürtiger Sachse den Dialekt nie abgelegt hatte.
Ungewöhnlich klang das im ländlichen Schleswig-Holstein.  Aus Schabernack übertrieb er es manchmal ein wenig. Meine Schulfreundinnen brachte er so gern in Verlegenheit, wenn er ihnen sächsische Sätze an den Kopf warf. Ratlos blickten sie dann zu mir, und ich grinste und übersetzte.

Wir mussten wieder los, zurück in den Westen, Tagesvisum. Der Reisebus wartete. Vorher aber noch schnell auf den Fernsehturm. Im Fahrstuhl wurde mir mulmig, es knirschte und knarzte. Ich hatte nicht sehr viel Zutrauen zu der Technik. Oben standen wir lange, obwohl die Zeit drängte. Die Mauer. Meine Cousine und ich starrten schweigend auf das silberne Band, das mitten durch die Stadt schnitt. Und auch mitten durch unsere Familie.
Abschied, Beklemmung, ungeschickte Umarmung, ich wusste, so schnell würde ich die Cousine nicht wieder sehen. „Schreib mir, du bist dran!“

Wieder durch die Kontrolle, diesmal war meine Mutter, wie mir auffiel, nicht mehr so nervös. Hatte sie etwa Westgeld eingeschmuggelt?

„Das werde ich dir Göre auch noch auf die Nase binden!“ war ihr kurzer Kommentar.

Transitstrecke, Reisebus, heimatliches Kuhdorf; Gedanken an Ostdeutschland und an das unangenehme Gefühl des Eingesperrtseins abgeschüttelt.

Weitere Briefe folgten, doch je älter wir Cousinen wurden, desto seltener wurden die Schriebe.

Eine Frage kam immer wieder in den Sinn: Wie mochte sich mein Vater wohl gefühlt haben?
 Er war nach dem Kriegsende im Westen geblieben, der Liebe wegen. Ein kleiner, sturer, aufbrausender Sachse, der auf die Briefe seiner Mutter: „Komm doch heim, was willst du da oben im Norden?“ nicht antwortete. Dann kam die Mauer. Sie bedeutete für ihn die endgültige Trennung von der alten Heimat. Die Grenze war unüberwindbar. Sie wuchs innen wie außen. Jahrzehnte vergingen wie ein Augenblick, doch  Menschen wurden älter.

Als die Mauer fiel, saßen mein Vater und ich gemeinsam vor dem TV-Gerät und sahen die Nachrichtensendung, die Live-Übertragung, die Menschen zeigte, welche auf der Mauer tanzten und Sektflaschen schüttelten. Wir guckten uns an und wären am liebsten auch zum Feiern nach Berlin gefahren oder wenigstens nach Lübeck, um die Trabbis zu begrüßen. Ließen es dann aber bleiben. Dass wir es nicht taten, finde ich immer noch schade.
 

Meine Mutter und ich fuhren tatsächlich eines Tages in das Heimatdorf meines Vaters. Nein, er selbst würde dort nie wieder hinfahren, hatte er geschworen. Warum, verriet er mir nicht. Ich sollte mir das Dorf ansehen, in dem er aufgewachsen war, es war ja auch ein Teil meiner Vergangenheit. Ich machte Fotos von seinem Geburtshaus und dem Bauernhof, auf dem er schon als Zwölfjähriger gearbeitet, oder besser, geschuftet hatte. Die Brücke mit den alten Bäumen, es waren Pappeln, erkannte er auf den Bildern. Da hatte mein Vater als Kind gespielt, war in die Bäume geklettert.
Ansonsten gab er keine Sehnsucht preis.
Ich fand das seltsam. Ich selbst hatte schon als Kind immer Heimweh nach meiner Heimat gehabt. Das wurde mit den Jahren nicht weniger, eher stärker.
Hatte mein Vater sich seine alte Heimat aus dem Herzen geschnitten? Konnte man das?

Fragen, die ich ihm nicht mehr stellen konnte.

Der Kontakt zur Familie im Osten brach völlig ab, nachdem die Mauer gefallen war. Das Leben meiner Cousine, die mir charakterlich wie auch äußerlich ähnelte, hätte ich gern weiter verfolgt.

Wir besuchten uns kurz nach der Grenzöffnung gegenseitig, weil das alle taten, dann war Funkstille, und so ist es geblieben.

Auch die anderen Cousins, Cousinen, Onkel und Tanten sind mir jetzt ferner und fremder als in all den Jahren, in denen wir Briefe und Pakete ausgetauscht hatten. Westkaffee, Ostpyramiden, Schokolade, Kinderbücher. Ich habe in den Regalen immer noch einige politisch gefärbte Ostjugendbücher, russische Kindergeschichten, tschechische Autoren.

Mein sächsisches Erbe ist weit weg von mir. Ich war dort in Sachsen wie in einem fremden Land. Ich spürte keine Wurzeln. Die Jahrzehnte der Mauer, diesem silbernen Band, sie haben Spuren auch in meinem Leben hinterlassen.

                       

Einer von neun

Jedes Jahr im Februar bekam mein Vater einen Strauß gelber Rosen. Jedes Jahr. Am 24. Februar feierten wir seinen zweiten Geburtstag.

Im Jahr 1946 lag Nachkriegsdeutschland in Trümmern. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt. Er hatte bei der Marine gedient, war in Kriegsgefangenschaft geraten und hatte sich nun freiwillig zum Minensuchtrupp gemeldet.

Schleswig-Holstein war britische Besatzungszone. Es wurde angeordnet, dass der kleine Dampfer „Lichtwark“ mit 110 ehemaligen Marinesoldaten an Bord auslaufen sollte, obwohl die Wetterverhältnisse ungünstig waren. Es herrschte Windstärke 9 und Sturmflutgefahr. Die Fahrt sollte auf der Elbe von Hamburg Richtung Cuxhaven gehen. Soweit die Tatsachen.

Mein Vater schilderte uns später, dass das Schiff unheimlich schnell unterging. Er hatte kaum noch Zeit,  seinen Schal wie einen Gürtel um die Taille zu wickeln. Diese Geistesgegenwart trug vielleicht dazu bei, dass er am Leben blieb, denn so bildete sich unter der Jacke eine Art Luftblase, die ein wenig wärmte. Und natürlich rettete ihn sein starkes junges Herz. Ostpreußenblut ist stark, sagte er dazu später oft.

Ob das Schiff auf eine Mine getroffen war, konnte er nicht sagen, aber wollte es auch nicht ausschließen.

Die Männer klammerten sich in dem eisigen Wasser an alles, was sie finden konnten, nicht nur an Gegenstände, auch an andere Menschen.

Mein Vater schwamm beharrlich, er kam nicht bis an die scheinbar rettenden Gegenstände heran, die anderen Schiffbrüchigen ließen dies nicht zu. Im Gegenteil, sie klammerten sich an ihn.

Berichtet hat er über diese seine wohl schwersten Stunden erst spät in seinem Leben.

Als wir eines Abends den „Titanic“-Spielfilm mit Kate Winslet und Leonardo diCaprio schauten in unserem warmen, sicheren Wohnzimmer, kam die Szene, in der die Menschen im Eiswasser erstarrten. Tote Augen, die blicklos gen Himmel gerichtet waren.

„Genau so“, sagte mein Vater. Auch die gespenstische Stille, die den verzweifelten Versuchen, im Wasser strampelnd und um sich schlagend das Leben zu retten, folgte, konnte er schildern. Als wären nicht Jahrzehnte vergangen. Die Stunden, die er im Wasser verbracht hatte, auf Rettung hoffend, um sich herum die sterbenden Kameraden, dies alles mochte er uns, seinen Kindern, nur andeuten. Er war sich sicher, dass ihn nur die ständige Bewegung am Leben gehalten hatte. Alle Männer, die sich irgendwo festgeklammert hatten, waren erfroren.

Mein Vater war einer von neun Männern, die dieses Unglück überlebten. Neun von 110.

Wir haben einen winzigen Zeitungsausschnitt mit einem unscharfen Foto aus einer Hamburger Zeitung: „Zum Schiffsunglück bei Balje“.  Mehr Berichterstattung war diese Katastrophe damals nicht wert. Ach doch, über die Bergung des Dampfers berichtete die Wochenschau in einem kleinen Film.

1996 fand wohl in der Nähe der Unglücksstelle eine große Gedenkfeier mit Kranzniederlegung statt. Mein Vater wäre, wenn man ihn eingeladen hätte, dorthin gefahren.

Den 24. Februar, diesen Schicksalstag, nahm er zum Anlass, sein Leben neu auszurichten.

Am 28.März 1946 heiratete er meine Mutter und gründete mit ihr seine eigene kleine Familie. Er sagte „ja!“ zum Leben und ließ die Schatten hinter sich.

1956 ging er wieder zur Marine und wurde Berufssoldat. Der Dienst auf dem Meer, das ihn anzog, ihn rief, war sein Leben.

 

Op´m Dörp

Es klingelt. Ein kleines Mädchen versteckt sich hinter dem Rock der Mutter und schaut vorsichtig aus der Haustür heraus. Der Kaufmann ist da! Er gibt der Mutter das „Einkaufsbuch“. Sie wird, wie in jeder Woche, dort ihre Bestellung hineinschreiben. Dann wird sie das Buch vor die Haustür auf die Fußmatte legen. Der Kaufmann wird es später einsammeln und am nächsten Tag die Lebensmittel liefern. Doch jetzt ist er erst mal damit beschäftigt, in seiner Jackentasche zu kramen. Wo hat er denn nur…das kleine Mädchen macht einen Schritt nach vorn. Ah, da, der Kaufmann hält ihr seine Hand entgegen. Karamellbonbons! Die hat er immer dabei, für die „Kunden von morgen“. Das dunkelhaarige Mädchen strahlt, nimmt die Bonbons und bedankt sich artig. Nun ist es gar nicht mehr schüchtern, es packt die klebrige Masse aus und ist zufrieden mit sich und der Welt.

 

Ein paar Jahre später. Mutter hat verschlafen. Sie springt aus dem Bett und rennt im Nachthemd die Treppe herunter. Das kleine Mädchen hat soeben mit dem großen Bruder den Karton mit der wöchentlichen Lieferung, die wie üblich auf der Fußmatte vor dem Haus stand, in den Flur gezerrt. Die Mutter kann sich in letzter Sekunde, bevor die Kinder die Einkäufe durchwühlen, dazwischenstellen. Nein, nein, ääääh, diese Kiste ist leider heute nichts für Kinder, husch, fort mit euch. Das kleine Mädchen grinst. Es hat doch bereits die heißersehnte Barbiepuppe entdeckt, die demnächst dann wohl zufällig der Weihnachtsmann bringen wird. Toll, was der Kaufmann alles herbeizaubern kann!

 

Noch ein paar Jahre später. Das kleine Mädchen ist inzwischen noch etwas älter. Es muß ein Schulpraktikum machen. Das Mädchen arbeitet zwei Wochen lang im kleinen Laden. Es darf mitfahren, Bestellungen ausliefern, auch zum Elternhaus, und Waren im Laden auspacken. Meistens wird es aber von der Chefin dazu ermuntert, sich im „Naschiregal“ zu bedienen, und nimmt in der kurzen Zeit erstaunliche drei Kilo zu.

 

Später. Der kleine Tante-Emma-Laden ist erwachsen geworden und steht nun groß und einladend am Dorfrand. Das Mädchen ist auch erwachsen geworden und steht mit Einkäufen an der Kasse. Die Verkäuferin beugt sich vor. Sie sieht das kleine blonde Mädchen, das sich hinter Mamas Rücken verbirgt, fragend an und hält einen kleinen Lolli hoch. Darf sie…? Klar darf sie. Das kleine Mädchen traut sich hervor, nimmt fröhlich lächelnd den Lolli entgegen und bedankt sich artig. Es packt den klebrigen Lutscher aus und ist zufrieden mit sich und der Welt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hauptpreis des Schreibwettbewerbs "Taubengeschichten" Hrsg. Barbara Krauss, 2010:

 Die Sehnsucht fliegt nach Hause

 Ich wuchs in einem kleinen Dorf in der Mitte von Schleswig-Holstein auf, und Tiere waren für uns ganz selbstverständlich ein Teil unseres Lebens. Wir hatten einen Hund, eine Katze, Hühner und Brieftauben. Letztere waren der ganze Stolz und die Freude meines Vaters.

Nun muß ich dazu anmerken, dass mein Vater ein richtiger Einzelgänger war, der am liebsten allein in seinem Garten und bei seinen Tieren war. Wir Kinder lernten viel von ihm: Morgens wurde sich als erstes um die Tiere gekümmert, er stapfte raus in den Schnee und versorgte die Hühner und Tauben mit frischem Wasser, bevor wir frühstückten. Meine Mutter grollte oft genug über „Die Sauerei im Küchenspülbecken!“, wenn dort Eisreste vom Auftauen lagen. Sie teilte diese Tierliebe nur begrenzt. Mein Bruder kümmerte sich um seinen Hund, und ich, ich hatte das Geflügel und später eine Bande Kaninchen.

In den 70ern aß man noch unbekümmert Taubeneier, das waren die „Kinderfrühstückseier“ bei uns, und sie schmeckten mir gut. Und die Tauben, die schmeckten mir, ehrlich gesagt, auch gut. Mein Vater sortierte ein paar Mal im Jahr aus, und es gehörte eben dazu, dass die Tiere geschlachtet, gerupft und zubereitet wurden. Schön mit Petersilie und würziger Brühe.

Ich hatte auch meine eigenen Tauben, immer nur ein, zwei Stück, das reichte mir. Ich mistete die Ställe mit aus und fuhr mit zum Futterhändler, guckte beim Beringen zu und war auch nicht zimperlich, wenn es darum ging, von einer geschlachteten Taube den Ring vom Beinchen wieder zu entfernen.

Wettflüge machten wir nie mit; als meine Eltern noch in Kiel gewohnt hatten, hatte mein Vater sich in diesem Bereich gut ausgekannt und viele Flüge im Verein mit bestritten, aber in unserem Kuhdorf nicht. Dort gab es zunächst eher mal Streit, weil sich die Tauben auch für die Gemüsebeete der Nachbarn interessierten. Da im Laufe der Jahre aber zum einen die Gärtnerbegeisterung der Nachbarn nachließ und sie zum anderen merkten, in diesem Punkt war ihr Nachbar empfindlich, kehrte Ruhe ein. Die Tauben flogen eben. Wer neu ins Dorf zog, wusste das, und er wusste auch, dass Hähne morgens krähen.

Mein Vater hielt, auch als er alt und krank wurde, immer seine kleine Taubenschar. Es machte ihm große Freude, morgens den Schlag zu öffnen, und alle Tauben stoben los und flatterten heraus. Auf seinen Ruf „Kommt!“ abends flogen sie alle sofort in den Schlag. Wundervoll, Tauben auf dem Hausdach zu sehen. Für mich war das eine Selbstverständlichkeit. Ich höre immer noch das Geräusch der Taubenschwingen, wenn ich die Augen schließe und mir vorstelle, dass ich wieder zu Hause im Garten sitze. Ich höre die Tauben über das Terrassendach tippeln, höre ihr Gurren.

Mein Vater ist seit fast vier Jahren tot. In seinem letzten Lebensjahr hatte meine Mutter die letzten Tauben abgeschafft. Das hatte ihn schwer getroffen. Mich auch, aber ich sah es ja ein, es war niemand da, der sich um die Tiere kümmern konnte. Der Stall draußen war so leer, der Garten verwilderte, schon lange gab es keinen Hund, keine Katze, keine Hühner mehr dort.

Meine Mutter verkaufte mein Elternhaus bald nach dem Tod meines Vaters. Die neuen Besitzer rissen als erste Tat die alten Ställe ab.

Ich weiß, ich werde niemals selbst Tauben halten. Aber die Sehnsucht, die fliegt nach Hause, in ein kleines Kuhdorf in der Mitte von Schleswig-Holstein: Es ist Sommer, ein Schwarm Tauben fliegt im weiten Bogen über die Dächer, silberglänzend in der Morgensonne, elegant, frei.

 

 

 

Beitrag zur Anthologie "Augenblicke, die berühren", Hrsg. Marie Rossi, 2010:

Das Blatt

 

 

 

 

 

 

Ich hatte mir vor diesem Morgen wirklich keine Gedanken über unseren Einsatz gemacht. Sowas mache ich nie, ich bin doch nicht verrückt. Das führt doch nur zu unnützen Grübeleien. Nee, nee.

So zog ich auch an jenem Tag meine Uniform an und fuhr zum Dienst. Auf der Station waren schon die meisten Kollegen eingetroffen und zogen plaudernd ihre Ausrüstungen an. War ja nichts wirklich Bedrohliches auf dem Plan, nur so ein paar Öko-Spinner, die sich ein bisschen in Szene setzen wollten. Harmlose Sache.

Wir kamen im Dunkeln an, so früh war es noch, und ich wünschte mir ganz dringend einen Kaffee. Aber Einsatz ist Einsatz, also stellte ich mich mit den Kameraden auf, zog das Visier meines Helms herunter und hielt meinen Schutzschild vor mich. Ganz nach Vorschrift.

Und da waren sie auch schon, die Umweltschützer. Meine Güte, wie die mir auf die Nerven gingen mit ihren ewigen illegalen Aktionen. Aber immerhin waren sie meistens friedlich. Klar fasste man die nicht mit Samthandschuhen an, diese passiv herumliegenden Nervensägen. Die konnten sich ganz schön schwer machen, wenn man sie wegtragen musste.

Wir bewegten uns nun in einer geschlossenen Reihe auf die Handvoll Gestalten zu, die eine Menschenkette um den Stamm des alten Baumes gebildet hatten. Affenkram, was machte denn nun ein Baum mehr oder weniger aus – die Wälder waren doch voll davon.

Es folgten die üblichen Auseinandersetzungen, das Hickhack und Gezerre, während im Hintergrund die Arbeiter mit ihren Motorsägen geduldig warteten.

Endlich hatten wir es geschafft, die Ökos beiseite zu räumen. Ich nahm meinen Helm ab und wischte mir erschöpft den Schweiß von der Stirn.

Da strich etwas über mein Gesicht. Ganz sanft und zart, aber ich zuckte zusammen wie nach einem harten Schlag. Erstaunt stellte ich fest, dass ein Blatt von dem Baum herabgefallen war, geradewegs auf mein Gesicht. Ich bückte mich und hob es auf. Es war dunkelrot gefärbt – aha, eine Blutbuche, dachte ich. Komisch, bis zu diesem Moment hatte ich mich noch nicht einmal dafür interessiert, welche Art von Baum gefällt werden sollte.

Ich betrachtete nun, das Blatt in der Hand haltend, die mächtige Krone, den riesigen Stamm, die wie Arme ausgestreckten Äste des alten Ungetüms. Es stand einfach nur da, wirkte völlig unberührt von dem ganzen Zirkus drum herum und seinem drohenden Schicksal. Aber trotzdem hatte es mich berührt.

Sowas Albernes. Ich schüttelte diese lästigen Gedanken ab. Ich wich mit den anderen zurück, als die Holzfäller mit ihren Sägen heranrückten und mit ihrer Arbeit begannen. Sie fällten nicht in einer dramatischen Aktion den Stamm, sondern zersägten Ast für Ast, Häppchen für Häppchen den alten Riesen zu Kleinholz.

Als sie endlich fertig waren, durften wir den Ort verlassen, der Einsatz war abgeschlossen.

Erst als ich mich in der Umkleidekabine auszog stellte ich fest, dass ich das rote Blatt immer noch in der Hand hielt. Ich wollte es wegwerfen. Stattdessen legte ich es in meinen Spind.

 

 

 

1.Platz Schwale-Literatur-Preis 2009 zum Thema "Panta Rhei":

Am Drachenpunkt
 
Ein Drachenpunkt, so erklärtest du mir, sei der Punkt, an dem zwei Flüsse sich vereinen, um dann als ein größerer Strom zusammen weiter zu fließen. So wie unsere Leben nun zusammen fließen und ein Größeres bilden würden. Ich fand das sehr poetisch und schön. Überhaupt fand ich alles, was du sagtest, so schön. Wir konnten stundenlang händchenhaltend durch die Wälder spazieren, ich lauschte deinen Worten so gern. Wir malten uns die Zukunft aus, oder besser, du maltest, ich bewunderte dich, hing an deinen Lippen. Viel sagen musste ich nie, hin und wieder ein Wort als Bestätigung genügte dir.
Oh ja, ich war einverstanden, ich war mit allem einverstanden. Ich hatte nichts dagegen, dir Vollmacht über mein Konto zu geben, wir waren jetzt schließlich eins. Ich freute mich, als du in meine Wohnung einzogst und allem dort deinen Stempel aufdrücktest. Du hattest so viel Stil. Meine Freunde sollten auch deine Freunde sein. Du machtest mir klar, dass die meisten von ihnen doch nicht so tolle Bekanntschaften waren, und ich ließ sie sausen. Ich hatte ja dich.
 
Oft gingen wir gemeinsam zum Drachenpunkt, deinem Lieblingsplatz, obwohl ich mich ein wenig fürchtete, es war dort so einsam und dunkel. Doch mit dir war alles so romantisch.
 
Natürlich konntest du nichts dafür, dass du keinen Job fandest, der deiner Begabung angemessen war. Ich verdiente doch genug Geld für uns beide zusammen. Ich fand die Möbel, die du kauftest, toll, und auch die Kleider, die mir so gut standen. In unsere kuschelige Zweisamkeit, da hattest du recht, sollte niemand eindringen, ich verschob die Verwandtenbesuche, erfand geniale Ausreden, um nur mit dir allein sein zu können.
 
Am Drachenpunkt sahen wir gemeinsam in die wirbelnden Ströme, die dunkel und unheimlich wirkten. Sie schienen alles verschlingen zu wollen, was sich ihnen näherte. Aber ich schüttelte diese Gedanken mit Leichtigkeit ab, ich hatte doch dich an meiner Seite. Nichts konnte mich schrecken.
 
Du wolltest genau wissen, was ich dachte, wovon ich träumte, was ich mir wünschte. Wenn du mich so fragtest, dann hörtest du mir ganz genau zu, für einen Moment. Natürlich dachte ich nur an dich, ich träumte nur von dir und ich sah nur die glänzende Zukunft mit dir. Wir waren ja jetzt ein Größeres, wir flossen zusammen durch das Leben.
 
 
 
Es wird mir schwerfallen, wieder hierher zu kommen. Dieser Ort ist wirklich fürchterlich. Ich werfe ein paar weiße Blumen in die strudelnden Wasser. Das hätte dir gefallen. Du warst immer so für solche Bilder. Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte. Ein kleiner Schubs genügte. Hm. Nein, ich werde wohl nicht mehr hier her kommen. Ich habe jemanden kennen gelernt. Wir verstehen uns ohne Worte.

Wenn man eine Vorliebe für Wasser hat, ist es nützlich, wenn man schwimmen kann.

 

3. Preis Literaturwettbewerb zum Thema "Licht" bei art&vielfalt (Verein zur Förderung des Kunstschaffens in Neumünster) 2007:

 

 

 

 

 

 

Am Ende 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir fuhren auf der schnurgeraden, silbergrauen Landstraße nach Hause. Das Fenster auf meiner Seite war geöffnet und der Wind zerzauste mein Haar. Es flatterte wie eine Fahne. Es war so ein schöner Nachmittag, und wir lachten, weil wir froh waren, endlich heimkehren zu können. Es hatte Spaß gemacht, einmal ohne die Kinder zu Freunden zu fahren, aber nun vermissten wir beide schon unsere Lieben.

Du runzeltest die Stirn: Vor uns tauchte ein Hindernis auf. Ein Traktor schlich vor sich hin, und ein grüner PKW klebte förmlich an ihm, der Fahrer traute sich wohl nicht, zu überholen. Aber das war alles kein Problem für dich, denn da war kein Gegenverkehr. Während du aufmerksam den Blinker setztest und in den Spiegel blicktest, lächelte ich dir zu. Es war schön, einfach nur dein Gesicht zu betrachten. Du spürtest das, aber du konzentriertest dich auf das Überholmanöver. Ich lauschte vergnügt dem Popsong, der aus dem Radio klang.

Plötzlich schien die Welt stillzustehen. Nein, dachte ich, das kann nicht sein. Das tut der jetzt nicht. Ich wusste nicht, schrie ich oder waren es nur Gedanken, die durch meinen Kopf rasten in dieser unglaublich langen Zeitspanne, als das grüne Auto einfach ausscherte. Ich sah den Wagen auf den unseren aufprallen, ich sah unser eigenes Auto davon wirbeln. Das Autoradio spielte immer noch, aber die Musik kam in Wellen an, mal war sie ganz nah, mal war sie ganz leise, weit weg. Immer noch stießen die Fahrzeuge zusammen, nein, drifteten sie auseinander. Es war wie eine entsetzliche, sich endlos wiederholende Schleife. Ich war in dem Auto und war doch nicht darin. Ich spürte, wie ich durch die Luft gewirbelt wurde. Aber es war eher wie ein Schweben, so unwirklich, so verzerrt, so unglaublich weit entfernt. Als ob ich gar nicht richtig da war. Ich fühlte mich leer. Da war nichts. Ich glitt davon. Es war nicht schlimm. Nichts tat weh. Und da war es, dieses Licht.

 

Das Bein

 

 

 

 Da liegt es und zuckt. Es liegt auf einem mit orangeroten Rosen bemalten Teller, der meiner Schwester gehört. Ich habe ihn extra zurecht gestellt, weil sie ihn sonst wieder vergisst. Sie hatte uns auf ihm den allerleckersten Pflaumenkuchen gebracht.

Jetzt ist der Teller leer bis auf ein langes, schwarzes, zuckendes Bein.

Ih.

Der Besitzer oder vielmehr ehemalige Besitzer desselben sortiert hektisch zappelnd seine verbliebenen sieben. Alle dran? Nun denn, er wackelt von Dannen.

Ich gucke noch mal. Ja, es zappelt noch immer.

Ih.

Ich kann doch auch nix dafür, entschuldige ich mich in Gedanken. Es war ein Unfall. Ich hatte nach dem Korkenzieher gegriffen, je nu, und da hatte sich schon der olle Schuster draufgesetzt oder gehängt oder was auch immer. Ich hatte ja auch sofort wieder losgelassen, ich will ja grundsätzlich keinem Viech nix Böses. Aber da war es schon geschehen und der Schuster und sein Bein Nr.8 fielen getrennt auf den Teller. Ja, und wären sie nun nicht gerade auf den Teller gefallen, zum Kuckuck, hätte ich das gar nicht bemerkt, das Gezucke.

Ih.

Später gucke ich noch mal. Nee, zuckt nicht mehr. Ich tippe es an. Nicht mit dem Finger, ih, mit einem Stift. Nee, da rührt sich nix. Ich kann mich nicht so recht überwinden, das Bein in den Mülleimer zu entsorgen. Vielleicht habe ich ja Glück und jemand anderes macht das. Vielleicht holt meine Schwester einfach ihren Teller ab und merkt gar nichts von dem Bein. Wenn man es nicht weiß, fällt es einem schließlich gar nicht auf. Ja, das wird das beste sein: Ich warte einfach ab.

Ih.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihr Sterne, ich lieb euch – Ihr Sterne, ich hass euch

 

 

 

 

Die Sonne begibt sich zur Ruhe

Der Abend folgt still ihrem Pfad

Am Boden tanzt leichthin der Nebel

Und ich tanz um dich, Kamerad.

 

 

 

 

Den Himmel schmückt Stern bald um Stern

Du blickst auf, in Gedanken ganz fern

Ich verzehr mich, bemüh mich, ich lieb dich

Siehst du mich? – sagst, „ich hab dich gern“.

 

 

 

 

Das genügt nicht, reicht nicht, und ich spüre

Die Sterne, sie sind kalt wie Eis

Aber ehrlich bist du, keine Schwüre

Von Leidenschaft, Liebe so heiß.

 

 

 

 

Doch hätt`s mir vielleicht mehr gefallen

Du hättest gelogen diese Nacht

Unsere Schritte im Nebel verhallen

Wie meine Liebe, von den Sternen verlacht.

 

 

 

 

 

Lottes Kalender

 

 

 

 

Es war ihr ja so peinlich, hoffentlich hatten die Nachbarn nichts bemerkt. Nervös spähte Lotte durch den Türspion, aber auf dem Hausflur des gediegenen alten Miethauses blieb alles ruhig. Sie hatte ja auch schnell reagiert und die Bescherung weggewischt. der nasse Feudel hing jetzt über dem Badewannenrand zum Trocknen, der Eimer war ordentlich ausgespült und stand in der Ecke neben dem WC. Wie ärgerlich, sie würde eine neue Fußmatte kaufen müssen, schon die dritte in diesem Monat, aber die Flecken gingen einfach nicht heraus. Lotte seufzte. Schließlich war sie Rentnerin und mußte mit ihrem Geld haushalten. Ein Kalender, schoß es ihr durch den Kopf, ich muß mir endlich einen Kalender kaufen. Dann ist alles viel leichter. ich hänge ihn neben die Tür und kreuze die gewissen Tage an, dann kann nichts mehr schief gehen. Lottes Blick wanderte zu der Bescherung, wohin damit? In der Truhe war ja nun wirklich kein Platz mehr. Na ja, eins nach dem anderen. Lotte schlurfte in die Küche, wo sie in einer alten Ledertasche die Erbstücke ihres Mannes sorgfältig aufbewahrte. Fleischer war er gewesen, ihr Egon. Fünf hochwertige Messer hat er ihr hinterlassen. Man wußte ja nie wozu so was gut war, hatte er gemeint. Vier Messer lagen säuberlich in der Tasche, das fünfte hatte Lotte gerade abgewischt. Sie müßte es mal wieder schärfen, wie lästig, aber bei dem häufigen Gebrauch!

Gestern hatte sie im EDEKA zugehört, als die alte Petersen mit Frau Möller an der Kasse getratscht hatte. Über die unzuverlässigen Zivildienstleistenden hatte sie gemeckert. Hatte doch schon wieder einer sang- und klanglos den Dienst quittiert, die liefen einfach weg. Dabei war es doch so schwer auch wieder nicht, den alten Leuten ihr Essen auf Rädern zu liefern.

Die olle Petersen hatte Lotte beifallsheischend angesehen, sie bekam doch auch Essen ins Haus? Ja, hatte Lotte erwidert. aber sie hatte keinen Grund zur Klage, ihre Zivis kamen immer pünktlich und zuverlässig jeden Montag, hatte sie sogar auf ihrem Kalender angekreuzt.

 

 

 

 

 

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