Zurück

Neuer Eintrag (6)

02
Ap
Neuer Eintrag (6)
02.04.2015 10:33

Aus dem Alltag einer Lektorin...

Ich klammere mich an meinem großen Becher Kaffee fest und setze mich im Zeitlupentempo an den PC. Es ist eindeutig zu früh zum Denken. Nach Einnahme des mit viel Süßsstoff und Milch versetzen Kaffees fangen meine grauen Zellen an, den Dienst anzutreten. Dadurch ist lange noch nicht gesagt, dass sie auch wirklich schon funktionieren. Ich surfe ein bißchen durch das Netz. Ich muss mich noch ein wenig erholen, denn ich habe gestern Abend versucht, den dritten Teil einer total angesagten Buchreihe weiterzulesen. Das Stammvokabular der Reihe, bestehend aus "oje, knallrot, scheiße, göttliche Dingsda" hallt noch nach. Würgs. Selbst meine Lieblingsstrategie, wie ich schnell meine Hirnwindungen auf andere Wege bringe, hat  nicht funktioniert: Ich gucke in so einem Notfall den TV-Kanal, in welchem Schmuck präsentiert wird. Mit blumigen Worten werden mir dort wunderbare Edelsteine, verarbeitet zu Ohrringen, Kettenanhängern und Fingerringen, hartnäckig angeboten. Und jedesmal möchte ich zum Telefon greifen und sie alle alle alle kaufen. Das lenkt ab.

Jetzt lenkt eine verzweifelte Anfrage auf facebxxk meine Aufmerksamkeit auf sich: Eine Fantasy-Autorin hat sich im ihren Kommas verheddert. Ja, ich eile...ich sortiere für sie die kleinen Biester und schicke ihr die genesenen Sätze zurück. Das gehört zum Service dazu und ist kostenlos. Ich kenne die Problematik eines Schreiberlings gut: Wenn man nur lange genug in die Tastatur gehackt hat, mit 8-10 Fingern, stellt man plötzlich fest, dass die Buchstaben gar nicht mehr da sind, wo sie hingehören, oder hat sich der kleine Finger bloß vom a getrennt und möchte nun mit dem s kooperieren? Wo ist eigentlich das ß, verschwunden. Das ä auch. Kommasetzung? Wa, die Nebensätze sind weg. Na, und so weiter.

Ah, endlich wach! Schön, also schreibe ich meiner Kollegin eine ausführliche E-mail, denn Kaffee bringt mich zum Quasseln.

Mir fällt ein, dass ja Arbeit auf mich wartet. Ich öffne also das Dokument, an dem ich gestern gearbeitet habe, und fange mal an. Irgendwann hakt mein Hirn. Ich habe nun drei Möglichkeiten: a) mit dem Hund eine Runde drehen und frische Luft einnehmen; b) die Schwiegermutti anrufen und um Rat fragen; c) den Schmuckkanal im TV suchen ("Disco" geht auch, aber ich habe unlängst alle Folgen bis zum bitteren Ende geguckt, ich brauche was Neues). Ich entscheide mich, da die Situation noch nicht hoffnungslos ist, für den Hund. Der freut sich wie verrückt und demonstriert beim Gassigehen sogleich, wie unerzogen und frech er ist, indem er einen sehr großen, sehr ernsthaften Hund ankläfft. "Blödes Großmaul", murre ich. "Irgendwann frißt dich mal so einer!"

Weiter geht´s im Text, bis die Ohren heißlaufen. Nun ist es genug für einen Vormittag.

Lektorenarbeit wird grundsätzlich unterschätzt. Das bisschen Rechtschreibung und Grammatik. Pöh, das kann ja fast jeder. Ja, und warum treiben sich dann im Netz so viele lausige Texte herum, bei deren Anblick mir die Tränen in die Augen schießen? Und was ist mit dem Genitiv? Ist der tot, oder was? Und der Imperativ? Selbst in der Werbung wird er kurzerhand über Bord geworfen. Was den modernen Werbestrategen wohl durch ihre topaktuellen Köppe geht, wenn sie illustre, innovative, kreative, glamouröse, effiziente Texte designen?

Ich hadere noch einen Moment mit dem Schicksal der deutschen Sprache. Dann mache ich mich wieder ans Werk, zumindest einen Text oder zwei kann ich ja mal vor dem Desaster erretten. Oder auch nicht. Lektoren haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat meiner Ansicht nach der Autor. Wenn der nun seine Worte so und so gewählt hat und sie auch bitte so und so haben möchte, dann kriegt er das auch. Ich kann nur Tipps geben. Zum Glück werden diese meist angenommen. Ich finde ja, im Prinzip darf jeder, wie er möchte, aber meinen Imperativ, nee, den bitte nicht kaputt machen, und auch nicht den Genitiv.

Abends quäle ich mich weiter durch den Roman, drohe ihm aber an, dass er demnächst in der Ecke landen wird, wenn er weiterhin so fade daherschleicht. Immerhin, fast so gut wie der Schmuckkanal, ich werde bettmüde von dem Werk.

 

Neuer Eintrag (5)
Neuer Eintrag (4)

Kommentare


Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!